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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Ein echter Herzenswunsch

17.10.2015

Apen /Hannover Wenn er morgens aufwacht, sieht er als Erstes das Schild, 26 Großbuchstaben in Kopfhöhe: ICH WERDE WIEDER LAUFEN KÖNNEN! Eine Pflegerin hat es ihm gemalt.

Wo soll man anfangen?

„Bei der Geburt“, sagt Thorben Frohne und grinst. Er kommt im Rollstuhl ins Wohnzimmer gefahren, auf dem Schoß die Kunstherztasche, ein Kabel verschwindet unter seinem T-Shirt. In seinem Hals steckt eine Kanüle, er kann schlecht sprechen.

Die Geburt also: Thorben kam 1977 mit einem Herzfehler zur Welt. Das Baby musste operiert werden, die Ärzte hatten schlimme Nachrichten für seine Eltern: „Älter als 18 wird er nicht.“

Sie irrten.

„Ich hatte eine normale Kindheit“, sagt Thorben Frohne, inzwischen 38 Jahre alt: Jugendfeuerwehr, Fußball, Kampfsport, Musik. Vor allem Musik, am liebsten Heavy Metal: Thorben lernt Schlagzeug. Er wird erwachsen, es geht normal weiter: Er heiratet, 2010 wird seine Tochter geboren. Er arbeitet als Journalist, er spielt weiter Schlagzeug. Seine Band heißt Brainwayve.

Brainwayve, auch damit könnte man anfangen: 2012, ein Rockkonzert in Oldenburg. Brainwayve spielen ihren ersten Song, „alles cool“, schreibt Thorben sehr viel später im Internet, „noch“. Plötzlich funktioniert sein rechter Arm nicht mehr, jemand stülpt Watte über die Musik, alles wird schwarz. Stille. Der Kopf des Schlagzeugers kracht auf die Trommel. „Ich habe wohl zu wenig gegessen heute“, sagt er, als er wieder zu sich kommt.

Diesmal irrt er.

Er ist wieder da

Jetzt könnte man mit einer langen Liste weitermachen; man könnte vom eingebauten Defibrillator erzählen, von den Herzoperationen, von den Reanimationen, vom Koma, von der Reha.

Auf jeden Fall muss man vom Schlaganfall erzählen: Wenn das Herz nicht hinreichend Sauerstoff pumpt, nehmen auch andere Organe Schaden, die Nieren zum Beispiel oder das Gehirn. Thorben Frohne erleidet einen Gehirnschlag. Als er aufwacht, kann er kaum laufen, greifen, sprechen. Er ist Pflegestufe 3, berufsunfähig, er zieht wieder zu seinen Eltern nach Apen.

Wer nicht sprechen kann, schreibt lieber, bei Facebook, im Blog „DeThobbe“. Im Dezember 2014 meldet sich Frohne im Internet zurück, Überschrift: „Er ist wieder da!“ Mühsam tippt er diese Sätze in seinen Rechner: „Wie soll’s weitergehen? Ich weiß es absolut nicht! Ich weiß nur: Ich werde wieder laufen!“

Organspende: Oldenburger Professor fordert bessere Aufklärung

In der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben sie ihm ein Kunstherz eingesetzt. Ein Kunstherz ersetzt nicht etwa das echte Herz, ein Kunstherz unterstützt es. Es ist eine mechanische Pumpe, die über eine künstliche Ader mit der linken Herzkammer verbunden wird.

In der MHH, fünfter Stock, Station 15, stellt Dr. Jan Schmitto (39), Bereichsleiter Herzunterstützungssysteme und Herztransplantationen, zwei Kunstherzmodelle auf seinen Schreibtisch. Eines ist von 2004, das andere von 2014. Das von 2014 ist fünf- bis sechsmal kleiner. „Da passiert wahnsinnig viel, was die technische Entwicklung angeht“, schwärmt Schmitto.

Vor zweieinhalb Jahren hatte er einen Pressetermin, in Deutschland hatte der 1000. Patient ein Kunstherz bekommen, großer Bahnhof. Mittlerweile dürften es mehr als doppelt so viele sein.

Thorben Frohne schreibt im Internet: „Ich möchte wieder laufen. Möchte wieder lieben. Möchte wieder mit meiner Tochter toben. Möchte wieder Schlagzeug spielen. Möchte wieder Sport machen. Möchte wieder raufen. Möchte wieder schwimmen.“

Mit dem Kunstherz kann er nicht schwimmen. Er hat ein Loch im Bauch, die Infektionsgefahr ist groß. Im Garten kurvt ein Mähroboter. Wenn Thorben Frohne auf den Rasen will, muss der Roboter vorher abgestellt werden. Das Kunstherz ist klein? Stimmt, aber auf dem Schoß trägt Frohne nun immer Akku und Controller, zwei Kilogramm schwer. Er ist verkabelt, er darf nirgendwo hängenbleiben damit. „Ich sehe aus wie ein Cyborg“, scherzt Frohne. Dann wird er ernst: „Das schränkt mich unheimlich ein.“ Kann er so richtig laufen lernen?

Er hat im wahrsten Sinn des Wortes einen Herzenswunsch: „Ich brauche ein neues Herz!“

Das Problem ist nur: Es gibt zu wenig Spenderherzen.

10 585 Menschen stehen derzeit in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan. 3488 Organtransplantationen gab es 2014. Und die Zahlen klaffen zunehmend weiter auseinander, denn die Spendebereitschaft der Deutschen sinkt. Schuld sind die Berichte über die jüngsten Organspendeskandale, vermutet Schmitto. Beispiel Herz: „Wir haben in Deutschland sonst 400 bis 500 Herzen im Jahr transplantiert“, sagt er. „2014 waren es 287.“

Erste Schritte

„Fünf Schritte gelaufen!“, meldet Thorben Frohne im Internet.

Ein Tag später: „Die nächsten sechs Schritte!“

Drei Wochen später: „300 Meter freies Laufen – und mein Therapeut sagt, mein Laufbild ändert sich vom Zombie-Walk zum Roboter-Walk!“

Es gibt auch schlechte Tage. Zum Beispiel, als seine Tochter Fahrradfahren lernte, ohne ihren Vater.

„Was für eine Zukunft hat einer wie ich?“, tippt Frohne in seinen Rechner. „Ein Krüppel! Behindert, auf ewig arbeitsunfähig. An den Rollstuhl gefesselt. Kaum Geld. Leben bei den Eltern!“

Am nächsten Tag wacht er auf, sieht das Schild: ICH WERDE WIEDER LAUFEN KÖNNEN!

In Hannover haben sie ihm gesagt: Auf die Warteliste für ein Spenderherz kommen nur Schwerstkranke. Menschen, die ohne Transplantation sterben würden.

Thorben Frohne lebt, dank Unterstützungssystem. Man könnte sagen: Es geht ihm zu gut für ein Spenderherz. „Paradox“ findet er das.

Dr. Schmitto, der Arzt, sieht es so: „Die Herztransplantation ist der Goldstandard. Die Frage lautet: Ist der Goldstandard für alle verfügbar? Die Antwort lautet: Nein.“ Kunstherzen seien verfügbar, „zu jeder Tages- und Nachtzeit, am Wochenende, an Feiertagen“.

Im November hat Schmitto wieder einen Pressetermin, ein Patient feiert Jubiläum: Seit zehn Jahren lebt er mit Kunstherz. „Europarekord“, sagt Schmitto.

Natürlich wäre es schön, wenn es mehr Spenderorgane gäbe, sagt der Arzt. „Eine Widerspruchslösung wie in Österreich fände ich gut – alle sind automatisch Spender, es sei denn, sie sprechen sich dagegen aus.“ Soll Thorben Frohne darauf warten? Soll er auf Fortschritte bei der Xenotransplantation hoffen (Organtransplantation von Tier auf Mensch)? Beim Tissue-Engineering (künstliche Herstellung biologischer Gewebe)? Oder darauf, dass die Kunstherzen noch besser werden: kleiner und kabellos?

„Schluss“, schreibt er nach einem schlechten Tag, „meine Flennerei muss aufhören! Ich trete mir selber in den Arsch!“ Unterschrift: „Der Kämpfer.“

Physiotherapie. Ergotherapie. Logopädie. Die Sprossenwand. Laufübungen.

Wo soll man weitermachen? Vielleicht hier: Er hat sich jetzt ein Liegerad gekauft, Dreirad, er nennt es „Trike“.

Neulich hat er damit zum ersten Mal seine Tochter vom Kindergarten abgeholt. Stolz tippt er in seinen Rechner: „Ihre Augen!“

Sehen Sie auch den NWZ-TV-Beitrag über Thorben Frohme.


NWZ TV   zeigt einen Beitrag unter   www.nwzplay.de 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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