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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Dieser Mann sammelt Geschichte(n)

04.05.2016

Cuxhaven /Wardenburg Er könnte es auch anders haben. Zum Beispiel könnte er jeden Tag am Wasser sitzen, hier oben an der „Alten Liebe“, wo die großen Pötte in die Elbe fahren. Aus den Lautsprechern des Schiffsansagedienstes würden immer neue Schiffsnamen krächzen und ihre Zielhäfen, und vielleicht würde er denken: Ja ja, da war ich auch schon. Und wenn er keine Lust mehr hätte aufs Schiffegucken, dann würde er mit seiner Ingelore eben einen Kaffee trinken gehen, gleich da vorne im „Restaurant Am Pier“. Ruhestandsleben halt.

Aber für so etwas hat Hans Joachim Ryszewski, Stabsbootsmann a.D., ja keine Zeit.

„Gleich nach dem Frühstück verschwindet er immer“, sagt Ingelore, seine Frau. „Dann geht er in sein Arbeitszimmer und schreibt und schreibt und schreibt.“

Hans Ryszewski rutscht ein bisschen in seinem Sessel hin und her. Dann grinst er und sagt: „Von nix kommt nix.“

Arbeitszimmer, das sagt seine Frau. Er selbst nennt die Kammer gern scherzhaft „Marinemuseum“. Denn da gibt es Schiffsglocken und ein Gorch-Fock-Modell und die grüne Seemannskiste und natürlich Fotos von den Booten, auf denen er gedient hat: das Schnellboot „Falke“ etwa, die Fregatte „Karlsruhe“, das Minensuchboot „Ulm“. Aktenordner gibt es auch. 99, so viele hat seine Enkelin damals gezählt. („Weiter konnte sie noch nicht zählen“, sagt Ryszewski.) Weitere acht Meter Ordner stehen im Keller.

Erinnerung an den Krieg

Seit 50 Jahren sammelt Hans Ryszewski, aufgewachsen in Wardenburg, wohnhaft in Cuxhaven, Geschichte und Geschichten. Es geht um Militär, um Heimat, um Familie, oft um alles drei zugleich. „Ich schreibe nur die Fakten auf“, sagt er bescheiden, „ein anderer muss daraus dann eine lesbare Geschichte machen.“ Ein Zeitungsredakteur zum Beispiel: 75 historische Artikel sind so inzwischen in der NWZ  erschienen – bis zu Ryszewskis 75. Geburtstag an diesem Mittwoch. Es sollen noch mehr werden.

Warum tut er das?

Heimat, Familie, Militär: Es ist vor allem die Erinnerung an das Kriegsende in Wardenburg, die ihn antreibt. Ein Bild aus frühester Kindheit, das sich festgesetzt hat, „ein Splitter im Ohr“, wie er es nennt.

Das Haus des früheren Bürgermeisters Groenhagen, in der Waschküche hängt ein Schild: Skagerrak 1916, größte Seeschlacht aller Zeiten. Der kleine Hans wird neugierig. Später findet er heraus, dass Groenhagen dabei war. Er findet auch heraus, dass es in Wardenburg zehn Angehörige der kaiserlichen Marine gab. Ryszewski recherchiert ihre Biografien.

Eine Hamsterfahrt, 1945. Agnes Ryszewski ist Kriegerwitwe, der kleine Hans sitzt vorn auf ihrem Fahrrad. Am Ortseingang von Oberlethe stehen Eichen, die Äste hängen über der Straße. Zwei Leichen baumeln an langen Stricken, um den Hals tragen sie Schilder. Die Mutter kann nicht ausweichen, links und rechts in der Berme könnten Minen liegen. Sie fährt zwischen den Gehenkten durch. Später recherchiert ihr Sohn, wer die Toten waren: deutsche Soldaten, hingerichtet.

Der erste Kriegstote aus Wardenburg. Der letzte Kriegsheimkehrer aus Wardenburg. Das Schicksal der jüdischen Familie Kugelmann aus Wardenburg. Zwei Jungs aus der Wardenburger Volksschule, von einer Mine zerrissen, als der Krieg schon vorbei war. „42 Menschen starben in Wardenburg nach dem Kriegsende“, sagt Ryszewski, „das sind alles Kriegsopfer.“ Er sammelt all diese Geschichten, die Toten sollen nicht vergessen sein.

Er sieht die ganze Welt

Ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn die Kinder 10 Jahre alt waren, müssen sie mithelfen. Gras schneiden. Kartoffeln sammeln. Einkaufen. Der kleine Hans trägt Rechnungen aus, für seinen Großvater, den Schlosser. So kommt er in viele Wardenburger Häuser („175 bewohnte Gebäude gab es damals in Wardenburg“, sagt er.)

Seine Mutter braucht Geld, die paar Hühner, Enten, Kaninchen reichen nicht zum Leben. Sie gründet einen Lesemappenzirkel; jeden Vormittag radelt sie los, zwei Taschen vorn, eine Tasche hinten. Hans muss mit. Jetzt kommt er in die restlichen Wardenburger Häuser. In den Häusern sitzen die Alten, sie erzählen Geschichten. Bilder für Hans, Splitter im Ohr.

Aber zuerst muss er erwachsen werden. Mit 13 verlässt er die Schule. Maurerlehrer. Arbeiten. Der Wunsch, mehr zu sehen, Meer zu sehen. „Damals gab es nur drei Möglichkeiten, wenn man raus wollte“, sagt der erwachsene Hans Ryszewski: „Fremdlegion, Auswandern, zur See fahren. Die ersten beiden kamen nicht in Frage.“ Mit 18 geht er zur Marine.

Ryszewski lernt die Welt kennen. Florida, Türkei, Persischer Golf, Kuba. Äquatortaufe, in seinem Marinemuseum hängt die Taufurkunde. Ingelore schreibt Briefe und schickt Kassetten, die sie besprochen hatte. Sie lacht: „Die haben wir noch!“ Na klar, ihr Mann ist doch ein Sammler.

Aber die Heimat bleibt ihm immer nahe, oben im Marinemuseum hängt eine Karte von Wardenburg. Als er 1993 in den Ruhestand geht, tritt zum Sammeln das Schreiben. Er recherchiert bei der Deutschen Dienststelle in Berlin, im Militärarchiv in Freiburg, beim Roten Kreuz, beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen, in Kirchenbüchern und Gemeindearchiven. Und natürlich gleich vor der Haustür in Cuxhaven, im weltgrößten U-Boot-Archiv. U-Boot-Fahrer, die gab es auch in Wardenburg; Ryszewski kennt ihre Namen.

„Die Welt steckt voller Geschichten“, sagt er, „Sie müssen nur daran interessiert sein – und dranbleiben.“ Er jedenfalls wird dranbleiben, so will er es haben.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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