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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Eine Treppe führt in die Vergangenheit

31.01.2012

FRIESOYTHE Zwei Sofas, ein Couchtisch. Ein roter Sessel mit Veloursbezug, davor ein passender Fußschemel. Im Haus des Friesoythers Heinz Jansen-Olliges sieht alles aus wie in einem ganz normalen Wohnzimmer. Hier soll ich gleich hypnotisiert werden.

Jansen-Olliges schaltet Musik ein, aus einem kleinen Lautsprecher auf dem Fußboden tönen Klänge wie aus einer anderen Welt. Während ich es mir auf dem roten Sessel so bequem wie möglich mache, fragt er: „Hast du Angst?“ Natürlich fühle ich mich unwohl, doch es fällt mir schwer, das in diesem Moment einzugestehen.

Eigentlich weiß ich nicht viel über Hypnose. Ich weiß nur, dass man dem Hypnotiseur vertrauen muss und sich für die Hypnose öffnen soll. Nun liege ich in einem Sessel im Hause eines mir bis eben Unbekannten.

Jansen-Olliges ist eigentlich Friseurmeister. Für den 38-Jährigen ist Hypnose bislang nur ein Hobby: Im vergangenen Mai hat er einen Lehrgang der Hypnoseakademie in Hannover besucht. „Hypnose ist eine Technik und erlernbar“, sagt Jansen-Olliges, der sich als Hypnotiseur „Destino“ nennt. Das bedeutet so viel wie Schicksal.

Destino sagt, dass man ein großes Verantwortungsbewusstsein mitbringen müsse als Hypnotiseur: „Der Mensch steht bei der Hypnose im Vordergrund.“ Krankheiten darf er nicht behandeln, „das möchte ich auch gar nicht“. Sein Anliegen ist die Show: Er will auf einer Bühne zeigen, was er gelernt hat. Aber auch in seinem Friseursalon hat er schon Freiwillige hypnotisiert.

Szenen aus dem Leben

Will ich das wirklich? In meinem Kopf schiebe ich die letzten Zweifel beiseite. Destino kündigt an, dass er mit mir eine Rückführung machen möchte: „Du wirst dabei Szenen aus deinem vergangenen Leben und den Leben davor sehen“, sagt er zu mir.

Doch bevor es losgeht, erklärt mir Destino im Detail, was er machen wird. „Wir werden dir in deinem Kopf einen Sicherheitsraum aufbauen. In den kannst du immer gehen, wenn es dir unangenehm wird oder ich dir ein Zeichen gebe“, sagt er mit ruhiger Stimme. Ich nicke, die Hypnose beginnt.

Destino legt mir die Hand auf den Kopf. Mit gleichbleibend ruhiger Stimme sagt er, dass ich mich nur auf seine Stimme konzentrieren soll. Die Musik im Hintergrund wird immer leiser und ist für mich kaum noch hörbar. Ich schaue Destino direkt ins Gesicht, bis ich die Augen schließen muss und nur noch seine Stimme wahrnehme. Mein Kopf dreht sich langsam zur rechten Seite. Wie ein Stück Blei liege ich nun in dem Sessel und frage mich: Bin ich jetzt in der Hypnose oder nicht?

Als hätte er mir meine Skepsis angesehen, zeigt mir Destino, dass ich schon längst die Kontrolle abgegeben habe. Ich soll meinen rechten Arm heben. Das gelingt mir noch. Er fühlt sich schwer an. „Wenn ich deinen Arm nun berühre, wirst du ihn danach nicht mehr bewegen können“, sagt mir der Friesoyther. Es fällt mir schwer, das zu glauben. Also versuche ich, zum Beweis meine Finger zu bewegen. Doch so sehr ich es auch versuche, nur meine Fingerknöchel zucken kaum merklich. Die Finger und auch den Rest des Armes kann ich nicht mehr bewegen. Erst nach nochmaliger Berührung durch Destino kann ich den Arm wieder in den Sessel sinken lassen.

Ich muss die Augen wieder schließen. Destino geht mit mir in Gedanken nun eine Treppe hinab. In meinem Kopf sehe ich eine schmale Wendeltreppe, die sich hinab in die Dunkelheit windet. Stufe für Stufe gehe ich nach unten, bis ich vor einer kleinen Tür stehe.

All das spielt sich nur in meinem Kopf ab, man kann sagen, vor meinem inneren Auge. Ich spüre, dass ich mich nicht bewege, sondern ruhig im Sessel liege. Im Kopf geht es weiter. Ich öffne die Tür. „Jetzt bist du in deinem Sicherheitsraum“, sagt Destino. In diesem gedanklichen Raum steht ein kleines Sofa, drumherum gibt es weiße Yogafiguren aus Porzellan. Die Wände sind grün und unbeständig – es ist eine Art Wabern. Alles sieht aus wie in einem Traum.

Der Film im Kopf

Ich beschreibe Destino genau, was ich sehe. Danach gehen wir aus dem Sicherheitsraum hinaus und in Gedanken in eine Stadt zu einem Kino. Dort sitze ich allein im dunklen Saal. Ich soll ein Pult mit Drehknöpfen und einem Schalter vor mir sehen. Mit dem Schalter starte ich „den Film meines Lebens“, wie Destino es nennt. Ich sehe, wie es vor meinen Augen flimmert, bis ich mich als kleines Mädchen wiedererkenne.

Ich sitze im Sandkasten, der im Garten meiner Großmutter liegt. Die Szene wirkt unscharf, ich kann keine Geräusche hören, erst nach und nach zeichnen sich Konturen von einzelnen Gegenständen ab. Ein weißes Plastiksieb, das ich aus meiner Kindheit wiedererkenne, fällt mir ins Auge.

Ich beschreibe wieder, was ich sehe. Allerdings fällt es mir schwer, den Mund zu öffnen. Nur mit Mühe kann ich Destinos Fragen mit „Ja“ beantworten. Das Beschreiben der Szene verlangt mir viel Kraft ab, und ich bin froh, als ich wieder ruhig sein darf.

Es geht noch weiter zurück in meine Vergangenheit. So sehe ich ebenfalls wie im Traum meine Mutter am Fußende meines Kinderbettes stehen. Sie hat eine Puppe in der Hand und spielt damit eine kleine Theateraufführung für mich. Sie lächelt mich an, das kann ich deutlich sehen. „Fühlst du dich wohl?“, fragt mich mein Hypnotiseur. Mein auf der rechten Schulter liegender Kopf nickt kaum merklich.

Danach soll ich meinen Lebensfilm noch weiter in die Vergangenheit zurückspulen. Ich sehe noch Szenen von meiner Mutter als Kind, von einer jungen Frau an einem Bahnhof in Berlin und schließlich von einem jungen Paar auf einem goldenen Kornfeld. Manche Szenen sind farbig, manche schwarz-weiß.

Dann geschieht etwas Seltsames: Am Ende soll ich mir noch einmal die Szene mit meiner Mutter im Kindesalter anschauen. Ich merke, dass ich als Beobachter nun in die Rolle eines alten Mannes geschlüpft bin, den ich in meinen Erinnerungen nicht einordnen kann. Das behagt mir nicht, und ich bin froh, dass ich von dieser Szene zurück in meinen Sicherheitsraum gehen darf. Von dort aus gehe ich die schmale Wendeltreppe wieder hinauf.

40 Minuten in Hypnose

Oben angekommen sage ich: „Jetzt!“ Destino holt mich aus dem Zustand der Hypnose. „Geht es dir gut?“, fragt er. Ich merke, dass mein Nacken schmerzt. Mein Kopf war schließlich 40 Minuten lang zur Seite gedreht. Dass ich so lange hypnotisiert war, weiß ich nur, weil es mir Destino sagt. Ich habe während der Hypnose selbst keinerlei Zeitgefühl gehabt.

Dafür fühle ich mich nun entspannt – ein bisschen wie ausgeschlafen. Mein Mund ist trocken, ich muss erst einmal zwei Gläser Wasser trinken, um mich wieder normal zu fühlen. Destino freut sich, dass die Hypnose bei mir funktioniert hat. Und ich wundere mich.

Aber ich bin froh, dass ich nach der Hypnose noch weiß, was ich erlebt habe. Ich hatte zwar keine Kontrolle über mich, doch war ich nicht gänzlich weggetreten. Es ist, als wäre ich aus einem sehr lebhaften Traum aufgewacht. Die Entdeckung des alten Mannes in meinem „Lebensfilm“ führt nun außerdem dazu, dass ich mich auf eine weitere Spurensuche begeben werde. Ich bin gespannt, wo sie mich hinführt.

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