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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Einem Schriftsteller vergeht der Appetit auf Fleisch

22.08.2015

Oldenburger Land /Stuttgart Carsten Osterhannes, skrupelloser Fleischindustrieller, genannt „Der Hühnerbaron“, nach eigenen Angaben einer der reichsten Männer Deutschlands, diesen Carsten Osterhannes gibt es nicht; er ist eine Romanfigur. Aber irgendwie gibt es ihn doch.

Man kann zum Beispiel sein Wohnhaus finden, ach was: seine Villa. Sie liegt im südlichen Landkreis Cloppenburg, man muss auf der Landstraße einmal links abbiegen, dann ist es das vierte oder fünfte Grundstück links: roter Klinker, sandfarbene Stelen, Kunst im wiesengroßen Garten.

Man kann sich auch anschauen, wodurch dieser Osterhannes so reich geworden ist, man muss nur ein Stückchen Richtung Norden fahren. Schon liegt vor den Bahngleisen eines dieser in die Jahre gekommenen Häuser, verhängte Fenster, 18, 19, 20 Namen am Klingelschild, auf dem Hof rostige Autos mit polnischen und rumänischen Kennzeichen. Autos von Werkvertragsarbeitern.

„Durch die Werkverträge haben wir ein Niedriglohnparadies mitten in Deutschland geschaffen. Mitten in Deutschland, im schönen Oldenburger Land, im Herzland des Katholizismus, haben wir es geschafft, ein Lohnniveau zu schaffen wie in den Karpaten.“

So erklärt es stolz Carsten Osterhannes im Roman.

Erfolgreicher Ermittler

Wolfgang Schorlau gibt es wirklich, er kommt mit dem Fahrrad angefahren. Im „Vinum“, dem Restaurant im Stuttgarter Literaturhaus, bestellt er einen Salat, Thunfisch statt Fleisch. Schorlau, 64 Jahre alt, Gewinner des Deutschen Krimipreises, ist einer der erfolgreichsten Krimiautoren Deutschlands. Er erfand den Privatermittler Georg Dengler, die Dengler-Fälle verkauften sich fast eine Million Mal. Denglers siebter und bislang letzter Fall, der Fleischindustrie-Krimi „Am zwölften Tag“, hielt sich wochenlang in den Beststellerlisten. Jetzt hat das ZDF die Dreharbeiten zum gleichnamigen Fernsehfilm abgeschlossen, ausgestrahlt wird der Film möglicherweise noch in diesem Jahr.

Dengler, der in Berlin, München oder eben im Oldenburger Münsterland ermittelt, lebt in Stuttgart. In der Wagnerstraße, direkt über dem Restaurant „Basta“. Auch das gibt es wirklich.

Schorlau nennt seinen Schreibstil „extremen Realismus“: „Die Figuren sind erfunden, aber die Fakten, auf denen Dengler ermitteln, stimmen. Die Strukturen sind real.“

„Die Fleischindustrie ist eine Industrie wie jede andere auch. Auch bei uns gilt das Gesetz der hohen Stückzahl. Das ist in der Schlachterei nicht anders als im Automobilbau. In diesem Punkt sind wir gleich. Die Unterschiede liegen woanders. In der Automobilindustrie werden einzelne Teile angeliefert, und daraus entsteht ein neues Ganzes, das Auto. Bei uns wird ein ganzes Tier angeliefert, und es verlässt die Fabrik zerlegt in einzelne Teile; das ist der Unterschied.“

Das meint Schorlau: reale Strukturen, wie sie der erfundene Fleischindustrielle Carsten Osterhannes beschreibt.

Beinah hätte es den Romanhelden Georg Dengler gar nicht gegeben. Als der Manager Wolfgang Schorlau mit Ende 40 seinen Job aufgab, um einen Krimi zu schreiben, warnten ihn erfahrene deutsche Krimiautoren: „Privatermittler funktionieren in Deutschland nicht.“ Sie sagten: „In Deutschland ist das Auffinden von Wahrheit immer ein hoheitlicher Akt.“

Schorlau wollte das nicht einsehen. Er fand, dass sich auch andere an der Wahrheitssuche beteiligen sollten. Sogar die Schriftsteller. Der Schriftstelle Schorlau kümmert sich seither um die Recherche, Dengler ermittelt.

Gewöhnlich finden die Themen Wolfgang Schorlau. Da sprachen ihn zwei Frauen an, gleich hier neben dem Literaturhaus, sie sammelten Unterschriften gegen die geplante Privatisierung der Trinkwasserversorgung in Stuttgart. „Hm“, dachte der Schriftsteller, „das ist ja ein riesengroßes Thema, und ich habe wieder nichts davon gewusst.“ Er recherchierte und schrieb „Fremde Wasser“, Denglers dritten Fall.

Da war sein Sohn, Anfang 20, er isst kein Fleisch, aus ethischen Gründen. „Obwohl es ihm schmeckt“, sagt der Vater. Der Vater begann zu recherchieren. Das geht so:

„Zuerst“, sagt er, „lese ich alles, was es Gedrucktes zum Thema gibt. Dann spreche ich mit Leuten, die mehr davon verstehen als ich.“

Zwei Predigten

Matthias Brümmer, 55 Jahre alt, früher Schlachthofmitarbeiter, heute Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten erinnert sich schmunzelnd in seinem Gewerkschafterbüro am Oldenburger Bahnhof. Tagelang war er mit Schorlau herumgefahren, zu Schlachthöfen, Unterkünften von Werkvertragsarbeitern, Bauernhöfen, zur Villa, „zu echten Ganoven“, sagt Brümmer. Bloß beim Thema Putenhaltung konnte er nicht helfen, sagt er.

Dr. Edmund Haferbeck, 58 Jahre alt, wissenschaftlicher Berater von Peta, versteht etwas von Puten. Er brachte Schorlau mit Tierrechtlern zusammen, „mit Undercover-Ermittlern“, sagt Haferbeck.

Der Schriftsteller schaut, fragt, hört zu – und schreibt am Ende eine Geschichte: eine Geschichte, in der Rocker Tierrechtler entführen und Rumänen mit Eisenketten verprügeln („das haben wir so erlebt“, sagt Brümmer), in der Bauern ihre Höfe verlieren und Fleischfabrikanten sehr reich werden. Eine Geschichte mit Cliffhangern, schnellen Schnitten und einem pompösen Finale (vor der Villa mit dem roten Klinker und den sandfarbenen Stelen).

Ein Krimi, klar. Aber im Anhang findet sich eine unübliche Beigabe: zwei Predigten von Monsignore Peter Kossen, in denen er gegen Werkvertragsmissbrauch wettert, gegen „moderne Sklaverei mitten unter uns“.

Kossen, 46 Jahre alt, findet man im ersten Stock des Bischöflichen Offizialats in Vechta, Kreuz, Marienstatue, durchs Fenster blickt man auf die Polizeistation. Er sagt: „Wir haben als Kirche eine Anwaltschaft für die Schwachen.“ Als Pfarrer könne er Öffentlichkeit herstellen, ein Krimi könne das auch. „Das ist eine Chance, eine neue Front aufzumachen“, sagt er. Kirche und Krimi, beide können „bewusstseinsbildend auf die Gesellschaft einwirken“.

Kossen freut sich also über den Krimi, aber der Krimi freut sich auch über Kossen: Die Predigten, sagt Schorlau, dienten ihm als eine Art Glaubwürdigkeitsnachweis.

Mangelnder Respekt

Wie wahr ist sie denn jetzt, die Fleischindustrie-Fiktion des Wolfgang Schorlau?

„Drei Viertel des Buches sind wahr“, sagt Matthias Brümmer von der NGG.

„70 Prozent stimmen“, meint Peta-Mann Haferbeck.

„Prozentual ist das schwierig“, findet Monsignore Kossen, „aber das Buch enthält sehr, sehr viel Wahrheit.“

Wolfgang Schorlau sagt: „Ich habe verstanden, dass die Fleischindustrie ihr Geschäft betreibt wie andere auch. Sie denkt in Stückzahlen, in Margen. Auf der Strecke bleiben erstens der Respekt vor den Tieren und zweitens der Respekt vor den Menschen, die diese Arbeit machen. Das deutet darauf hin, dass sie drittens auch keinen Respekt haben vor den Menschen, die ihre Produkte kaufen.“

Im Krimi warnt Carsten Osterhannes, der fiktive Unternehmer:

„Sie können mich verhaften. Sie können vielleicht sogar die Marke Osterhannes vom Markt nehmen. Aber Sie können die deutsche Fleischwirtschaft nicht zerstören. Meine Marktanteile übernehmen andere. Es wird weitergehen.“

Schorlau macht seit seinen Recherchen zur Fleischindustrie einen Bogen um jede Fleischtheke und jedes Kühlregal im Supermarkt. Was die bislang 115 000 Leser machen, die das Buch gelesen haben, sollen sie selbst entscheiden: „Ein Sendungsbewusstsein habe ich nicht.“

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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