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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Er überlebte den Wahnsinn an Bord

25.03.2017

Oldenburg Das erste Kapitel erinnert ein wenig an „Das Boot“ Lothar-Günther Buchheims. Denn die Ausfahrt von U 643 beginnt mit einer ausgelassenen Feier. In diesem Fall aber nicht in Frankreich, sondern auf St. Pauli, Indienststellung. Auf den Tag genau ein Jahr später, am 8. Oktober 1943, wird U 643 von englischen Fliegern gebombt, bis es durch Selbstversenkung explodiert. Von diesen Minuten im Nordatlantik gibt es Luftbilder, die den Angriff der Flugzeuge und den Ausstieg der Mannschaft zeigen.

Den Wahnsinn an Bord dokumentierte Heinz Gräser zehn Jahre nach Kriegsende. Zunächst die Unterlegenheit des Bootes in schwerer See: „Die Vierling – die Vierling schießt nicht mehr. Ladehemmung? Der Richtschütze arbeitet wie ein Wahnsinniger am Verschluss, reißt sich die Hände blutig und hat keinen Erfolg. Verrostet – vom monatelangen Nagen des Salzwassers verrostet und zerfressen.“

Aus, erledigt

Die Fliegerbomben reißen die übrigen Geschütze aus ihren Verankerungen, das Boot ist „aus, erledigt, die Flugzeuge haben ihr Feuer eingestellt.“ Dann der irrwitzige Befehl des Kommandanten: „Kriegsflagge auf die Brücke!“ Die Flugzeuge „schießen aus allen Rohren“, vier Mann werden verletzt. Plötzlich ist die Kriegsflagge weg, das Schießen auch, der Zentralemaat Peters springt in die See und taucht nicht mehr auf: „Peters hat so gern gelacht.“

Ein Brecher spült Heinz Gräser vom sinkenden U-Boot. Seine Gedanken fliehen nach Hause: „Bei mir sitzen sie nun alle beim Mittagessen. Ob es ihnen wohl schmeckt?“ Ein Schlauchboot nimmt ihn auf, zwei englische Zerstörer erscheinen. Sie stoppen nicht, sie wissen um die übrigen U-Boote in der Nähe.

Die Männer von U 643 werden fahrend geborgen, die Schiffsschrauben erzeugen einen gewaltigen Sog: „Und einer erzählt, wie sie an ihm vorbei zogen – von einer unsichtbaren Macht gezogen, wild um sich schlagend auf die wirbelnden Schiffsschrauben zu gleitend.“ In letzter Sekunde entgehen Heinz Gräser und 17 weitere Männer diesem Schicksal. Hände fassen ihn, er „hört Rufe: Hang on, boy... Hang on, comrade...!“

Die Versenkung von U 643 ist das Einleitungskapitel von „Überlebt“, wie Heinz Gräser sein Buch zehn Jahre nach Kriegsende betitelte. Das Ende des Bootes wird zum Anfang einer Odyssee als Kriegsgefangener, die ihn zunächst nach England, Kanada, zurück nach England und 1947 schließlich nach Hannover führt. Im Stadtteil Döhren wächst Heinz mit drei Schwestern als Sohn des Bäckermeisters Heinrich Gräser auf. Die Familie ist angesehen, ein Verwandter gründete das erste Schwimmband der Stadt – noch heute existiert der gleichnamige Gräserweg.

Von Nazis verhaftet

Im Jahre 1941 ist Heinz gerade mal 17 Jahre alt. Zu Anfang jenes Jahres trifft die Bäckersfamilie ein schwerer Schlag: Vater Heinrich wird von der Gestapo verhaftet. Im Laden äußerte er vor Kunden: „Diesen Hitler muss man erschießen.“ Am 19. Februar 1941 kommt er ins KZ Sachsenhausen. Nur wenig später meldet sich Sohn Heinz freiwillig zur U-Boot-Waffe. Am 8. Oktober 1942 wird U 643 mit ihm an Bord in Dienst gestellt. Auf den Tag genau ein Jahr später explodiert das Boot im Nordatlantik. Zwei Wochen später erhält die Mutter einen Brief des Flottillenchefs. Mit Datum vom 23. Oktober 1943 wird darin mitgeteilt, dass das Boot als „vermisst“ gelte.

Am 2. Dezember folgt ein Telegramm: „Sohn Heinz in Kriegsgefangenschaft. Herzlichen Glückwunsch!“ Am 14. Dezember 1943 erhält die Mutter folgenden Brief: „Nach einer Meldung meiner vorgesetzten Dienststelle hat Ihr Sohn die Anschrift: Camp 24, Serialnummer 102 771, England.“

Ein halbes Jahr später, am 17. Juli 1944, heißt es in einem Schreiben des Roten Kreuzes Berlin: „Aus den vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf, soeben hier eingegangenen Unterlagen ergibt sich, dass der Kriegsgefangene Heinz Gräser in Canada eingetroffen ist und sich dort im Lager 33 befindet.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Vater Heinrich Gräser bereits tot. Vom KZ Sachsenhausen war er zunächst ins KZ Ravensbrück, schließlich in das KZ Flossenbürg überstellt worden. Hier starb der Häftling mit der Nummer 5081 am zweiten März 1944 im Alter von 48 Jahren.

Die Enkelin Gudrun Melzner, die ihren Großvater nie kennenlernte, erinnert sich der Worte ihrer Oma, wonach Heinrich Gräser im KZ „totgeschlagen“ worden sei. Sonst seien keine Worte über ihn in der Familie gemacht worden. Wie auch das Buch Heinz Gräsers das Schicksal des Vaters mit keinem Wort erwähnt. Obwohl die Auflehnung gegen totalitäre Autoritäten Vater und Sohn zu einen schien. So lehnt sich Sohn Heinz in seinem autobiographischen Buch gegen jedermann auf, der ihm unangemessen befehlen will. Noch an Bord von U 643 ist das der vorgesetzte E-Obermaschinist Lorenz, der ihn schikaniert.

„Mangelnder Kadavergehorsam“, wie er schreibt, macht den jungen Heinz Gräser zu einem distanzierten und kritischen Beobachter der Kriegsszenerie um ihn herum. So „schämt“ er sich für manches Verhalten des Kommandanten von U 643, zum Beispiel beim Anlegen in Gotenhafen: „Das Lächerliche kommt Sekunden später und verändert die Situation gänzlich. Der Kommandant wirft einen studierenden Blick unter die Menschen auf der Pier und sagt dann mit todernster Miene: „Und jetzt werden die Mädchen auf der Pier sagen, der da mit der weißen Mütze, das ist der U-Bootskommandant!“

Über sich selbst als 17-jähriger Kriegsfreiwilliger schreibt er: „Was weiß man mit siebzehn Jahren vom Krieg? Ich habe nicht gewußt, dass ein Tag – von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – ein Regiment Männer morden kann. Mit siebzehn Jahren weiß man das nicht. Wird es einem erzählt, dann glaubt man es nicht.“ Die helfende Hand des Engländers, „hang on, boy...“, läßt Heinz Gräser die Absurdität der Kriegslogik verstehen: „Die Männer auf diesem Schiff sind seine Feinde. Ein Befehl will es so. Dieses Schiff hätten sie versenkt, wenn es vor ihre Torpedorohre gelaufen wäre. Gnadenlos. Ein Befehl will es so. Sie hätten die Menschen getötet, die nun alles in ihrer Macht stehende tun, um sie dem Leben wieder zurück zu geben. Das ist Krieg! Das ist legalisierter Mord! Ein Befehl will es so.“

Von den Jahren 1943 bis 1947 handelt das rot umschlagene Buch Heinz Gräsers, das links oben im Bücherregal von Gudrun Melzner in Oldenburg steht. Zum ersten Mal las sie als Jugendliche darin, dann „1992, als mein Vater verstarb.“ Zuletzt zur Serie über U 96 in der NWZ, „das Buch meines Vaters war wieder da.“

Erinnerung an den Vater

Diesen brachte ein englisches Schiff von Harwich zurück nach Kontinentaleuropa, durch die Kriegsgefangenschaft in England und Kanada beherrschte er die englische Sprache. Zunächst arbeitete Heinz Gräser für eine US-Firma, dann wurde er Englischlehrer für die Flugschulung von Bundeswehr-Piloten. Mit dem, was ihr Vater schrieb und was er nicht schrieb, beschäftigt sich Gudrun Melzner seit vielen Jahren. Mit ihr und ihren zwei Geschwistern sprach er nie von der Inhaftierung seines Vaters, der Freiwilligmeldung zur U-Boot-Waffe, der Versenkung von U 643, der Kriegsgefangenschaft und der Rückkehr 1947 in eine nun vaterlos gewordene Familie.

Nur einmal brach sich Gudrun Melzner gegenüber Bahn, was in der Tiefe ihres Vaters offenbar schlummerte: „Wir sind immer an’s Meer gefahren, er hat es geliebt. Einmal gingen wir spazieren, da tauchte ein U-Boot auf, er sah es als erster. Mein Vater war vor Freude ganz außer sich.“


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