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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Erinnerungen an Band "Trio": Welthits aus der Dorf-WG

10.02.2012

GROßENKNETEN Es ist ja nicht so, dass die Triologie eine brotlose Kunst wäre. Neulich zum Beispiel hörte die Triologin Melanie Otten gerade Radio, als der Moderator diese ungewöhnliche Quizfrage stellte: Was hat Ralf mit der Band Trio zu tun?

Die erste Anruferin hatte keine Ahnung („War Ralf der Friseur der Band?“), die zweite Anruferin hieß Melanie Otten aus Emstekerfeld, 39 Jahre alt. Sie erklärte dem Moderator, dass Ralf der Wirt vom Gasthaus Kempermann in Großenkneten sei, wo Trio im Dezember 1980 ein erstes Konzert gab und wo sich nun jährlich die Triologen treffen, üblicherweise in einer „pissfeuchten Novembernacht“, so wie Trio sie einst im Lied „Broken Hearts For You And Me“ besungen hat.

Und schon war Melanie Otten um 50 Euro reicher.

Lachen verboten

An einem schneefeuchten Februarmorgen sitzt der ehemalige Trio-Schlagzeuger Peter Behrens wie jeden Morgen im Raucherzimmer der Wilhelmshavener Kneipe „Kling Klang“, vor ihm dampft ein Pott Kaffee. Das Radioquiz neulich hat er leider nicht gehört, dabei wären ihm die 50 Euro sehr gelegen gekommen: Für sein Duo „Two Trio“ gibt es im Winter keine Auftritte, der 64-Jährige muss mit dem Geld von der Hartz IV-Behörde auskommen.

Das hier ist nämlich eine brotlose Kunst: der ehemalige Schlagzeuger von Trio zu sein. Wenn ein Lied wie „Da Da Da“ als Werbeträger von Firmen wie Volkswagen oder Pepsi gekauft wird, verdienen daran nur Komponist und der Texter, also Trio-Gitarrist Gert „Kralle“ Krawinkel und Trio-Sänger Stephan Remmler. Schlagzeuger Behrens bekommt nur Geld, wenn Trio- CDs verkauft werden; es werden heute aber nicht sehr viele Trio-Platten verkauft.

„So ist das eben“, sagt Peter Behrens, er zuckt mit den Schultern.

Vor 30 Jahren war Behrens, aufgewachsen in Varel (Landkreis Friesland), der berühmteste Schlagzeuger Deutschlands. Er erinnert sich noch an den Moment, als er wusste, jetzt ist es soweit: „Wir standen mit dem Auto auf einer dreispurigen Straße in Saarbrücken. Links von uns hielt ein Auto, durchs Fenster dröhnte ,Da Da Da‘. Rechts von uns hielt ein Auto, und auch aus dem Fenster dröhnte ,Da Da Da‘.“ Behrens lacht.

Wie bitte, Peter Behrens lacht? Bei Trio sah man ihn nie lachen, immer stand er mit traurigem Blick hinter seinem Schlagzeug. „Das war meine Rolle“, sagt er: „Stephan trug diese Opa-Anzüge. Kralle war das Landei mit Wollmütze und Holzschuhen. Und ich war eben der traurige Clown.“ Manchmal gab es bei den Trio-Konzerten Leute im Publikum, die Peter Behrens unbedingt zum Lachen bringen wollten. „Ich habe mir auf die Zunge gebissen, bis sie blutete“, sagt er: „Ich wollte das durchhalten!“

Viele Menschen hielten Trio aus Großenkneten für eine chaotische Spaßband aus der Land-WG. Aber hinter Trio steckte ein strenger Plan.

„Achtung, Achtung“, so beginnt die Langspielplatte „Trio“ von 1981: „Lassen Sie sich nicht täuschen/Obwohl es zunächst so aussieht/Als ginge es um Ihre Unterhaltung/Geht es doch letztlich darum/Dass Sie Ihre Sympathien/Und Ihr Geld/Dem Trio geben.“

Provokation und Kabarett

In einem Oldenburger Keller hockt der ehemalige Musikprofessor Dr. Niels Knolle hinter Synthesizern, Aufnahmegeräten und Kabeln, an der Wand hängen Konzertfotos, auf einer Borte liegt ein Casio-VL-1, das 149-Mark-Keyboard aus dem Trio-Song „Da Da Da“. Als junger Dozent betreute Knolle die Examensarbeit des Oldenburger Lehramtsstudenten Stephan Remmler, der Titel lautete: „Popmusik als Gegenstand des Musikunterrichts“. Später sorgte er dafür, dass Remmler an der Uni einen Job als Dozent bekam: Er unterrichtete „Theorie und Praxis des Popgesangs“.

„Moment“, sagt Knolle, er angelt ein altes 18-Zentimeter-Tonband aus dem Regal und fädelt es in eine noch ältere Bandmaschine, „ich hab’ da was“: Auf dem Band singt Remmler mit Lehramtsstudenten Bob Marleys Gassenhauer „No Woman, No Cry“.

Knolle kannte den Trio-Plan von Anfang an. Stephan Remmler hatte ein bisschen Geld geerbt, er kündigte seinen Lehrerberuf, er mietete das berühmte Haus an der Regenter Straße 10a in Großenkneten 2. Dann verkündete er: Ich werde jetzt Rockstar. Knolle antwortete: „Du spinnst.“

Der Rest ist Musikgeschichte. Die Neue Deutsche Welle spülte Trio an die Spitze der Hitparaden: „Da Da Da“, das Lied mit dem sparsamen Casio-Rhythmus, wurde in rund 30 Ländern veröffentlicht und 13 Millionen Mal verkauft. Hits wie „Anna“ oder „Bum Bum“ folgten, Trio trat im „Ritz“ in New York auf, und in Großenkneten gingen die Trio-Fans fortan täglich auf Souvenirjagd: „Gegenüber bei der Gemeinde lag immer ein Stapel Ersatz-Ortsschilder, die wurden ja ständig geklaut“, sagt Gastwirt Ralf Kempermann. Heute erinnert im Dorf nur noch der Trio-Teller auf seiner Speisekarte an die Band: drei Lendchen, Champignons, Pommes, zum Nachspülen ein Bommerlunder.

Musikwissenschaftler Knolle sagt: Trio war Provokation, „fast schon Kabarett“, Trios Minimalismus habe sich dem Glanz der Popwelt entgegengestellt. „Ich fand diese Performance immer großartig“, sagt der 67-Jährige, „dieses Bühnenkonzept, dieses Kleinkunstartige.“ Dann lächelt er: „Aber wenn ich ehrlich bin: Die Musik selbst hat mir nie viel gegeben.“

Peter Behrens sagt im Raucherzimmer in Wilhelmshaven: Klar, wir waren gegen Ronald Reagan, gegen die SS 20-Raketen, gegen Helmut Kohl. Aber ein bisschen war der Trio-Minimalismus auch Zufall: „Anfangs hatten wir auch einen Bassisten und einen Keyboarder, aber die hatten meistens keine Zeit. Da haben wir anderen drei allein weitergemacht – so haben wir den Sound immer weiter reduziert.“ Am Ende blieben nur Gitarre und Schlagzeug übrig. Und das Casio VL-1.

Keine Wiedervereinigung

„Das war alles sehr cool“, findet die Triologin Melanie Otten. Aber für sie gab es einen viel wichtigeren Aspekt, der Trio für sie so interessant machte: „Die kamen aus der Nähe, das waren endlich mal Stars zum Anfassen!“ Otten, im Hauptberuf Schulgärtnerin, steht mal wieder im Gasthaus Kempermann, sie ist mit dem Auto hergekommen. Damals, in den 80ern, ist sie mit Fahrrad von Emstekerfeld nach Großenkneten geradelt, um ihre Stars zu sehen. Sie traf nur Kralle an. „Heute“, sagt sie, „habe ich Kontakt zu allen drei“: Mit Krawinkel und Remmler schreibt sie sich, Behrens trifft sie gelegentlich. Zum Beispiel beim Triologen-Abend in einer pissfeuchten Novembernacht in Großenkneten; manchmal trommelt Behrens dort sogar.

Würde er auch wieder für Trio trommeln?

Es gab Gespräche über eine Wiedervereinigung, sagt Behrens knapp, „aber die Band stand nicht mehr zusammen“.

Musikprofessor Knolle befürchtet: „Eine Wiedervereinigung würde eine große Erwartung erzeugen – und eine noch größere Enttäuschung.“

Sogar Melanie Otten, die Triologin, ist da skeptisch. „Es war gut so, wie es war“, sagt sie. Dann lächelt sie: Sollte ihr Trio aber doch wieder zusammenfinden, wäre sie selbstverständlich dabei. Notfalls käme sie mit dem Fahrrad.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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