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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Förster verwandeln Wüste in Wald

22.07.2014

Huntlosen /Hengstlage Zwei Förster hocken im lichten Wald und betrachten ein Mini-Bäumchen. Der Himmel verdunkelt sich, in der Ferne grollt der Donner, Blitze zucken über den Wipfeln. Rainer Städing berührt fast zärtlich die Blätter der jungen Buche, die an der Spitze leicht ramponiert aussieht. „Ein bisschen Verbiss haben die drauf“, sagt Städing und zeigt auf angefressene Blätter. Ist hauptsächlich der Hase“, stellt Kollege Karl-Heinz Frese fachmännisch fest.

Ob das nur 30 Zentimeter hohe Bäumchen die Fressattacken von Meister Lampe wohl übersteht? „Der Hase bringt sie nicht um“, schmunzelt Frese. Und die Rehe? Die seien eher naschhaft. Gute Aussichten für die kleine Buche also, in 40 bis 50 Jahren im Walddach anzukommen.

Das Donnergrollen kommt näher, es beginnt zu tröpfeln, unten am Waldboden wird es mitten am Tag langsam duster. Die beiden erfahrenen Förster in ihren schilfgrünen Hemden zucken nicht mit der Wimper. Die kleinen Douglasien auf der Pflanzfläche nebenan müssen schließlich auch noch inspiziert werden.

Seit 1985 leitet der 62-jährige Karl-Heinz Frese die Revierförsterei Huntlosen im Landkreis Oldenburg. Auf 2300 Hektar stehen hier grob geschätzt mindestens drei Millionen Bäume. Es wäre kaum verwunderlich, wenn der Herr dieses Waldes jeden kennen würde. Heute wird der Revierförster von Rainer Städing (58) vom Forstamt Ahlhorn durch den imposanten Hegeler Wald zwischen Huntlosen und Hengstlage begleitet. Städing hat seinen Wald bei Braunschweig aufgegeben, um Sprecher der niedersächsischen Landesforsten im Westen zu werden.

Drei Millionen Bäume

Am frühen Nachmittag, als die beiden Männer ihre Tour beginnen, ist es drückend schwül, selbst der dichte Wald bietet kaum Abkühlung. Hinter dem Forsthaus glotzen einige Wasserbüffel neugierig dem Geländewagen nach, der langsam einen Schotterweg hinab rollt. In der Birkenriede stoppen die Förster kurz. Birken sind kaum zu sehen, dafür Fichten in Monokultur.

Einige hundert Meter weiter ändert sich das Waldbild. Unter dem lichten Dach von Kiefern schießen Buchen in die Höhe. Mit ihren 20 Jahren haben sie knapp zehn Meter erreicht. Wenn diese Rotbuchen ausgewachsen sind, werden sie mit bis zu 40 Meter Höhe die Nadelbäume weit überragen und vielleicht auch verdrängen.

Der Wald in Niedersachsen wird langsam aber stetig umgebaut. Seit 1992 gibt es das LÖWE-Programm für eine langfristige ökologische Waldentwicklung. Erstes Ziel: aus den Nadelwäldern des Nordwestens Mischwälder machen. „Wir unterpflanzen die Kiefernwälder mit Buchen“, erzählt Städing. Ein paar Eichen und Douglasien sind auch dabei.

Warum der Aufwand? Bessere Böden, bessere Luft, mehr Artenvielfalt, erklären die Experten. Laubbäume wurzeln tief, können so Stürmen und Trockenheit besser trotzen – und dem Klimawandel. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Wind – alles im Wald ist von den Baumarten abhängig.

Städing taucht in den dichten Mischwald ab, tief gebückt, sucht etwas. Mücken und Bremsen umschwirren ihn, der Boden wimmelt von Ameisen. Mit einer Handvoll Nadeln und Erde kommt der Förster zurück. Der Beweis, dass Mischwald für die Humusbildung wichtig ist. Nur Nadeln gleich saurer Boden, mit Blättern gleich fruchtbarer Boden, könnte man es auf eine einfache Formel bringen. Der Anteil der Laubbaumarten beträgt im Landeswald gegenwärtig 40 Prozent. Er soll langfristig auf 65 Prozent erhöht werden.

Die beiden Förster werfen die Zeitmaschine an. Der Nordwesten vor mehr als 1000 Jahren gleicht einem dichten Dschungel. Man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht. „Niedersachsen hätte von Natur aus eine Bewaldung von 90 Prozent, betont Städing. Die Buche wäre prägend. Doch irgendwann kommt das finstere Mittelalter, die Abholzung beginnt. Mehrere Rodungswellen folgen.

Die Zeitmaschine hält im Jahr 1805. Ackerbau und Viehzucht haben im Nordwesten eine Heidelandschaft geschaffen. Die Böden sind sandig oder morastig. Bis auf den Hasbruch und den Neuenburger Urwald gibt es in der Region keine Wälder mehr. Der Wind zehrt an den Pflanzen, türmt mancherorts Sanddünen auf – wie in Sandkrug oder Sage. „Die Heide ist eigentlich das Endstadium einer verwüsteten Landschaft“, erklärt Städing.

Doch als es fast zu spät ist, besinnen sich die Menschen. Im Oldenburger Land beginnt im 19. Jahrhundert die Wiederaufforstung der Heiden und Öden – mit anspruchslosen Kiefern und Birken. Anderes lassen die kargen Böden nicht zu. In der Folge entsteht auch der 765 Hektar große Hegeler Wald im Bereich der Gemeinde Großenkneten. Benannt ist er nach August Hegeler, einem Oldenburger Bankdirektor, der 1878 mit der planmäßigen Aufforstung beginnt. Es dauert fast 100 Jahre bis der Nordwesten wieder teilweise bewaldet ist. „Auf diese Pionierleistung sind wir Förster stolz“, sagt Städing.

Heide aufgeforstet

Die Waldhüter halten die Zeitmaschine ein letztes Mal im November 1972 an. Der Orkan „Quimburga“ fegt über die Region und vernichtet einen großen Teil der Bestände im Hegeler Wald. Hier müssen fast 2,5 Millionen Bäume neu angepflanzt werden. Der Umbau beginnt, ist heute Programm.

An diesem Nachmittag zieht wieder ein Sturm über dem Hegeler Wald auf. „Du weißt noch, wo Du bist, Karl-Heinz“, fragt Rainer Städing leicht besorgt aus dem Fonds des Geländewagens. Trotz Allradantrieb schlingert das Auto bedenklich über die durchnässten, engen Waldwege. Die Bäume stehen immer dichter, Äste streifen das Autodach. Donner grollt, Regen peitscht, der vorhin noch so idyllische Wald bekommt etwas bedrohliches. „Ja“, antwort Karl-Heinz Frese. Nach fast 30 Jahren kennt er jeden Weg hier – und jedes Wetter. Dann beginnt es zu hageln – und wie.

Frese will noch zwei andere Orte und zwei andere Gründe für den Waldumbau zeigen. Doch der Scheibenwischer kann die Regenmengen kaum bewältigen. Das LÖWE-Programm sieht vor, Habitatbäume zu erhalten. Fünf möglichst alte und starke Bäume mindestens pro Hektar sollen nicht der Waldnutzung zum Opfer fallen, sondern ihr maximales Alter erreichen und in Ruhe zerfallen können – zum Schutz seltener und bedrohter Pflanzen- und Tierarten. Buchen werden bis zu 300 Jahre alt, Eichen sogar über 1000.

Gegen Nitratbelastung

Zudem hilft der Laubwald, die Nitratbelastung im Grundwasser zu verringern. Der Oldenburgisch Ostfriesische Wasserverband (OOWV) kauft in den 1980er Jahren in Wasserschutzgebieten landwirtschaftliche Flächen auf. Die Landesforsten sollen einen Teil davon begrünen. Einzige Bedingung: Laubbäume. In den Forstamtsbezirken Ahlhorn und Neuenburg sowie im Oldenburger Münsterland entstehen so 1100 Hektar Trinkwasserschutzwald.

Und wenn man den Wald sich selber überlassen würde? Dann würde sich die Buchen nicht nur gegen Nadelbäume durchsetzen, sondern mit den mächtigen Eichen anlegen. „Es gibt Übergangszonen, wo die gegeneinander kämpfen“, schmunzelt Förster Frese. Wie vor 1000 Jahren wird es im Nordwesten aber so schnell nicht mehr aussehen.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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