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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Dieser Oldenburger schreibt Hits für Popstars

09.01.2014

Oldenburg /Berlin Sie sind da irgendwo versteckt, die Hits, er muss sie nur finden. Da, die zwei Klaviertöne vielleicht: ein Gis und ein Cis, seine rechte Hand setzt sie zu einem halben Akkord zusammen. Die linke Hand tastet in Zeitlupe die Fis-Dur-Tonleiter ab, drei Töne rauf, drei Töne runter, aus dem halben Akkord werden sechs ganze Akkorde, Aiko Rohd lacht sein ansteckendes Aiko-Rohd-Lachen: Ja, das ist ein Aiko-Rohd-Song, „da fühl’ ich was“.

Berlin, Prenzlauer Berg, ein Hinterhaus mit Dielenfußboden und geräuschunempfindlichen Nachbarn: Hier ist der Sitz der Firma „Infrarohd-Music“, hier schreibt Aiko Rohd seine Musik. „Writing Room“ nennt er sein Studio am Flurende, „Schreibzimmer“; Zutritt nur für Musiker. An der Wand ein Regal mit Schallplatten, schwarze Musik aus dem vergangenen Jahrhundert. Auf dem Tisch eine Ausgabe des Hip-Hop-Magazins „Scratch“, längst eingestellt. Ein paar Musikinstrumente. Ein Computer für die Aufnahmen. Zwei Lautsprecher, aus denen jetzt langsam die Klaviertöne ins Zimmer tropfen.

Er lässt andere glänzen

Noch mehr Klavier, eine winzige Melodie, Aiko Rohd lacht wieder: eine typische Aiko-Rohd-Spielerei. Dann ein Schlagzeug, ein eiliger Aiko-Rohd-Rhythmus. Ein schwerer Bass, wie auf den Aiko-Rohd-Lieblingsplatten im Regal. Auf dem Computerbildschirm stapeln sich immer neue Klangbalken: Gitarre. E-Piano. Streicher. Dann die Stimme von Tim Bendzko, Echo-Gewinner, Bambi-Gewinner, MTV-Award-Gewinner: Sie singt „Mein Leben ist Dein Leben“, den Song, der einst aus zwei Klaviertönen entstand.

Im „Writing Room“ hängen Auszeichnungen an der Wand. Dreifach-Gold. Doppel-Platin. Demnächst kommt eine neue hinzu: Tim Bendzkos Album „Am seidenen Faden“ hat soeben Platin-Status erreicht. Aiko Rohd, 35 Jahre alt, aufgewachsen in Oldenburg, ist derzeit der zweiterfolgreichste Musikproduzent aus der Stadt. Nach Dieter Bohlen.

Aber jetzt hat er Pause, er sitzt wie immer unten an der Straße in seinem Lieblingscafé: weißes Hemd, rote Uhr, grüne Socken, vor ihm dampft ein Americano. „Das ist der beste Kaffee der Stadt“, lobt er und strahlt. Aiko Rohd tut, was er immer tut: Er sorgt dafür, dass andere glänzen. Tim Bendzko. Xavier Naidoo. Yvonne Catterfeld. Söhne Mannheims. Laith Al-Deen. Oder die Kaffeeköchin.

Und Oldenburg. Einige Aiko-Rohd-Erinnerungen: die klassische Musikausbildung an Cello, Schlagzeug, Gesang. Zu Hause unzählige Kassetten mit Rhythm & Blues, Soul, Funk. Proben mit der Rockband („Funkbands gab es damals nicht“). Und dann dieser Junge in der Schule, der die Hip-Hop-Kassette mitbrachte. „Der hat mich infiziert.“

Oldenburg hatte in den 90er-Jahren die vielleicht beste Hip-Hop-Szene im Norden. Da war DJ Acetronaut, da war DJ Mirko Machine, und mittendrin war DJ Realson alias The Real DJ Real alias Aiko Rohd.

„Fantastische Zeit“

Meistens fand man ihn im Plattenladen. Sie waren da irgendwo versteckt, die Soundschnipsel, er musste sie bloß finden. „Diggen“ nennt er das Suchen nach Klängen, „graben“. An den Plattenspielern und am Sampler setzte er sie zu neuer Musik zusammen: ein paar Klaviertöne vielleicht, Soul- und Jazz-Samples, Geräusche. In den Clubs tanzten die Leute zu seinen Beats, „Hunderte Shows haben wir gespielt“.

Mit 17 beendete er die Schule. Er gründete seine Firma, Infrarohd-Music. Kartonweise verkaufte er seine Mix-Tapes. „Das war eine fantastische Zeit“, sagt er.

Aber irgendwann fragte er sich: Willst Du mit 50 immer noch durch die Clubs tingeln? Nein, sagte er sich, will ich nicht. Jetzt stehen die Turntables, seine Plattenspieler, hinten in seinem „Writing Room“. Nur selten legt er noch auf, in Oldenburg zum Beispiel in der „Umbaubar“.

Damals aber packte er seine Plattenspieler ins Auto und stellte sich damit in Mannheim bei der Popakademie Baden-Württemberg vor. Er bastelte live aus seinen neuesten Klangschnipseln ein Jazzstück, „so was hatten die noch nie gehört“, sagt er und lacht das Aiko-Rohd-Lachen. The Real DJ Real studierte nun Musik.

Ein Abend in Mannheim, „legendär“, erinnert sich Aiko Rohd: Xavier Naidoo, der Popstar, fragte ihn, hast Du Beats dabei? „Beats“ – so nennen die Hip-Hop- und Soul-Sänger ihre Hintergrundmusik. Aiko hatte Beats dabei. Sie setzten sich ins Auto und fuhren durch Mannheim, im Autoradio liefen Aiko-Rohd-Beats. Noch am gleichen Abend das Angebot: Aiko Rohd konnte bei Xaviers Firma Naidoo-Herberger-Produktion anfangen. Manchmal hörte er seine Musik nun im Radio.

Dinge ändern sich

Noch ein Americano, breites Lachen, „der ist so lecker hier“. Hat er erzählt, dass er auch seinen Kaffee für zu Hause hier kauft? Im Hinterhaus kocht er ihn dann nach, so kam der Oldenburger Aiko Rohd in Berlin vom Tee zum Kaffee. Dinge ändern sich.

In Mannheim überlegte er ernsthaft, ob er nach Oldenburg zurückgehen soll, „ich liebe diese Stadt“. Er ging dann nach Berlin: weil er dort nahe bei Künstlern wie Tim Bendzko ist, bei den Musikverlagen, bei den Plattenfirmen. Und weil sich Dinge manchmal ändern müssen.

Er „digt“ ja auch nicht mehr in Schallplattenläden nach Sounds, wenn er neue Musik schreiben will. Was er braucht, ist dort, wo er ist: zwei Klaviertöne. Eine Melodie im Kopf, Akkorde, Bilder, Worte. Aiko Rohd komponiert, textet, produziert. Er spielt auch die meisten Instrumente selbst ein. Manchmal, „wenn ich es in schön brauche“, ruft er befreundete Musiker dazu. Konrad Blasberg zum Beispiel, noch so ein Oldenburger, der in Mannheim studierte und in Berlin nun an Nummer-1-Alben mitarbeitet. Er spielte den Bass für „Mein Leben ist Dein Leben“ ein.

„Ich wollte immer nur Musik machen, seit ich fünf bin“, sagt Aiko Rohd. „Jetzt mache ich das, was ich am liebsten mache – und ich werde dafür bezahlt. Ich glaube, wenn man das von sich sagen kann, ist das sehr viel.“ Glück? Vielleicht. Vor allem aber: harte Arbeit und Verzicht, schon damals in Oldenburg. Aiko Rohd lacht: „Wenn die anderen am Badesee waren, saß ich in meinem Homestudio.“

Unsichtbarer Erfolg

Jetzt hat er seinen „Writing Room“, an der Wand hängen die Gold- und Platin-Ehrungen. Nur Musiker dürfen da rein, für andere Menschen bleiben seine Erfolge unsichtbar. Stört ihn das nicht, ein Mann in der zweiter Reihe zu sein? „Nein“, sagt Aiko Rohd, ohne eine Sekunde zu zögern, „ich sehe das als Privileg.“

Neulich war er in der Berliner Waldbühne, im Scheinwerferlicht stand Tim Bendzko, unter den Zuschauern Aiko Rohd. Da waren zwei Klaviertöne, Gis und Cis, 20 000 Fans sangen „Mein Leben ist Dein Leben“. „Ein tolles Gefühl“, sagt Aiko Rohd.

Aber nach so einem Konzert, wenn Tim Bendzko eine Sonnenbrille aufsetzen muss und trotzdem von Autogrammjägern umlagert wird, steigt Aiko Rohd in die Tram und fährt nach Prenzlauer Berg zurück. Er kocht sich einen Kaffee, geht in seinen „Writing Room“ und macht, was er am liebsten macht: Musik. Gern würde er noch mehr für internationale Künstler arbeiten; in seiner Mannheimer Zeit hatte er es einmal auf Platz 25 der amerikanischen Billboardcharts geschafft und in die französischen Top 20. „Der nächste Erfolg“, sagt er, „ist immer nur einen Song weit entfernt.“ Er muss ihn nur finden.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
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