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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Stasi-Skandal: Begegnung mit Opfer des Oldenburger Kirchenspions

06.05.2016

Oldenburg /Dresden Er schläft noch, als die Männer in das Acht-Bett-Zimmer platzen; es ist noch nicht einmal Sieben. „Kommen Sie bitte mit“, sagen sie zu ihm, „zur Klärung eines Sachverhalts.“

„Darf ich mich waschen und anziehen?“, fragt er.

„Ja, aber schnell“, antworten die Männer.

Auf dem Flur stehen weitere Männer, sie besetzen die Ausgänge. Draußen wartet ein Wartburg, die Männer fahren ihn zur Kreisdienststelle der Stasi in Jena. Sie bringen ihn in den Keller. Er muss seinen Gürtel abgeben und seine Schnürsenkel. Er muss sich auf einen Schemel setzen, die Hände unter die Oberschenkel. Das Verhör beginnt. Es wird 14 Stunden dauern.

Es ist der 9. März 1966, Ulrich Singer ist 20 Jahre alt.

Wütende Studenten

Was ist ein schwerer Fall?

Im Oktober 1993 verhandelte das Oberlandesgericht Celle den Fall eines DDR-Spions: Vor Gericht stand Herr S. aus Oldenburg, 49 Jahre alt, ein ehemaliger Studienkollege von Ulrich Singer. S. war 1966 in den Westen gekommen, mehr als 23 Jahre lang lieferte er als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) Informationen an die Stasi. Seine Berichte füllten sechs Aktenordner. Viele davon betrafen die Oldenburgische Landeskirche, bei der S. 17 Jahre lang angestellt war.

Lesen Sie auch: Der Spion, der aus der Kirche kam, Artikel vom 26.3.2015

Das Gericht befand: Ein „schwerer Fall“ sei das nicht. S. habe keine „besonders herausgehobene Bedeutung“ für die Stasi gehabt; ein „tatsächlicher Schadenseintritt für die Bundesrepublik“ sei nicht festzustellen.

Die Richter verurteilten S. zu einer Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Außerdem musste er eine Geldstrafe in Höhe von 10 000 Euro zahlen, die Summe entsprach seinem Agentenlohn. Strafmildernd berücksichtigte das Gericht, dass der Angeklagte „als Folge der Tat“ seinen Job bei der Kirche verloren hatte.

Ein schwerer Fall – in der DDR sah der so aus: Fünf Studenten, fünf Freunde, sitzen im Oktober 1965 schlecht gelaunt in der Dorfbücherei von Hohenschönberg, Mecklenburg-Vorpommern. Sie haben den ganzen Tag auf dem Kartoffelacker gearbeitet, der Ernteeinsatz ist Pflicht für Studenten in DDR. Es ist kalt, ein Kaminofen bollert hilflos.

Die Studenten trinken Alkohol. Im Schwarzweiß-Fernseher läuft Westfernsehen. Draußen liegt die Deutsche Bucht, die Bundesrepublik scheint zum Greifen nah. Einer brummt: „Wir sitzen hier in der Scheiße, und da drüben...?“

In den Bücherregalen der Dorfbücherei stehen Klassiker der marxistisch-leninistischen Literatur. Ein Buch landet im Kaminofen: Stalin. Noch eines: Dserschinski.

Die Studenten kleben eine Briefmarke mit dem Bild des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht an die Tür. Ein Wettspucken beginnt.

„Harmlos war das“, sagt Ulrich Singer heute, „wir waren jung.“

Aber dann saß er plötzlich im Stasi-Keller.

Komisch, denkt er: Die Männer zitieren wortwörtlich Sätze, die ich gestern gesagt habe. Die Freunde hatten in der Wohnung von S. über den Ernteeinsatz gesprochen; S. hatte sie eingeladen, zum ersten Mal. Er war der einzige von ihnen, der nicht im Studentenheim wohnte.

„Die müssen uns abgehört haben“, sagte S. später zu den anderen, „die können so was.“

Ulrich Singer bekommt einen Brief vom Rektor der Universität: Sie sind mit sofortiger Wirkung vom Studium suspendiert.

Sechs Tage später. Hörsaal, alle Germanistikstudenten sind versammelt. Ein Disziplinarausschuss verhandelt den Fall „Ernteeinsatz“. Es fallen Worte wie „ehrlos“, „schmähliches Versagen“, „schwerer Schaden“. Die Strafe dafür lautet: lebenslänglich. Die fünf Studenten werden „dauernd“ vom Studium in der DDR ausgeschlossen. Strafmildernde Umstände? Keine.

Ulrich Singer kehrt zurück zu seiner Mutter ins Vogtland.

Ein perfider Plan

Erst viel später kann er die Puzzle-Teile zusammensetzen: als er Mitte der 90er Jahre seine Stasi-Akte liest.

Eine Wirtshaus am Dresdner Neumarkt, durchs Fenster kann er auf die Frauenkirche blicken. Aber Ulrich Singer, 70 Jahre alt, blickt auf den Wirtshaustisch, vor ihm liegt ein Stasipapier, Schreibmaschinensätze: der „Plan zur Realisierung des Operativ-Vorgangs ,Ernte‘, Reg. Nr. 1011/65“.

„Das war alles geplant“, sagt Singer. Mit der Operation Ernte gelang der Stasi dreierlei. 1. Sie maßregelte die Studenten. 2. Sie disziplinierte die Lehrer am Germanistischen Institut (das als Hort der Opposition galt). 3. Sie schuf eine Legende für einen neuen West-IM.

Am 12. August 1966 kletterte der Republikflüchtling S., frisch von der Uni verwiesen, über die Grenze der DDR. Hinter ihm schossen zum Schein die Grenzer in die Luft.

Spießrutenlauf an der Uni

Singer bekam davon nichts mit. Er saß im Vogtland und brauchte dringend einen Job. Es gab den Paragrafen 249, „Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten“. Wer nicht arbeitete in der DDR, konnte ins Gefängnis kommen.

Man kann in Dresden mit der Straßenbahn in die Radeberger Vorstadt fahren, dort steht die ehemalige Stasi-Bezirksverwaltung; 3500 hauptamtliche Mitarbeiter gab es hier. Ein Festsaal, ein Chefbüro mit Honecker-Porträt, ein Konferenzraum mit Parteiflagge. Auf dem Tisch: Stasi-Berichte.

Hinter dem Verwaltungsgebäude steht das Hafthaus, von der Straße unsichtbar: 44 Zellen, rostiger Stahl, kaltes Licht, so viel Leid. Heute ist die Anlage eine Gedenkstätte.

Ulrich Singer bewarb sich überall, sogar als Chemie-Arbeiter. „Das wollte keiner machen damals.“ Er bekam nur Absagen. Jemand flüsterte ihm zu: „Wir dürfen Dich nicht einstellen.“

Ein Briefwechsel mit S., dem vermeintlichen Leidgenossen. S. arbeitete in Jena als Hilfskellner. „Lass’ den Kopf nicht hängen“, schrieb S. (Erst später wunderte sich Singer: Wieso hatte S. einen Job?)

Damals dachte er: „Ein wirklich guter Freund.“ Dann hörte er von S.’s Flucht in den Westen. „Toll“, dachte Singer.

Über den Vater einer Schulfreundin fand er schließlich doch Arbeit. Er wurde Pfleger in der Psychiatrie. Ein Patient war ein hochrangiger Stasi-Offizier, schwer depressiv. Der Offizier jammerte immer wieder: „Ich habe Menschen auf dem Gewissen.“

1968 gab sich die DDR eine neue Verfassung. In Artikel 25 stand: „Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das gleiche Recht auf Bildung. Die Bildungsstätten stehen jedermann offen.“ Gilt das nicht für mich?, fragte Ulrich Singer. Er bemühte sich um eine erneute Zulassung zum Studium. Er verwies auf seine guten Beurteilungen.

Er bekam eine zweite Chance. Bedingung: wieder Jena, wieder Germanistik. 1969 kehrte er nach Jena zurück. „Das war ein Spießrutenlauf“, sagt er. Die Studenten misstrauten ihm. War er von der Stasi umgedreht worden?

„Ich musste gut sein“, sagt Singer. „Und ich war gut.“

Die Stasi wurde er trotzdem nie wieder los. Noch mehr Schreibmaschinentexte auf dem Wirtshaustisch. 1966: „Wir bitten um operative Kontrolle“. 1985: „Bitte Prüfung zu Singer, Dagmar, Singer, Ulrich“. Berichte über seine Ehe. „Die war anscheinend ganz in Ordnung“, sagt Singer.

Er wurde Lehrer. Nicht am Gymnasium, „wie die anderen guten Studenten“, sondern an einer Zentralschule.

Mitte der 90er las er dann seine Stasi-Akte. S.! Der gute Freund! „Ich hatte solch eine Stinkwut!“, sagt Singer. „Wenn ich damals gewusst hätte, dass der in Oldenburg ist, wäre ich dahin gefahren!“

Wer von Dresden eine Stunde lang Richtung Westen fährt, kann in Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt, Ingrid Strunz treffen. Sie ist die Frau von Reinhard Strunz, ein ehemaliger Kommilitone von Ulrich Singer und S.; auch er war 1965 in Hohenschönberg dabei, auch er flog 1966 aus der Uni. Als Reinhard Strunz vom Verrat durch S. erfuhr, fuhr er los. Nicht nach Oldenburg, aber nach Celle. Strunz hatte zufällig im „Spiegel“ von dem Prozess gegen S. gelesen. Er bot sich als Zeuge an und sagte auch aus.

Ingrid Strunz sagt: „Ganz tief in seinem Innern ist er nie mit der Geschichte fertig geworden.“ Reinhard Strunz, ehemaliger Germanistikstudent, späterer Gießereiingenieur, starb 2012 an einem Hirntumor. Seine Frau sagt heute: „Die Stasi hat uns nie in Ruhe gelassen. Wir hatten immer das Zeichen auf der Stirn.“ Erkundigungen bei Nachbarn, ständige Schikanen: große Probleme, als Ingrid Strunz, die Sprachen studiert hatte, einen Reisepass brauchte. Ständige Einberufungen zu Reserveübungen für Reinhard Strunz, „sogar einen Tag von unserer geplanten Hochzeitsreise“. Reinhard Strunz, sagt seine Frau, habe gelitten.

Dann der Prozess in Celle. Seine Zeugenaussage spielte keine große Rolle; das Wirken des IM im Osten „hat der Senat nicht in seine strafrechtliche Bewertung einbezogen“, heißt es später im Urteil. „Er war schwer enttäuscht“, erinnert sich Ingrid Strunz.

Würde Ulrich Singer die Geschichte gern ungeschehen machen?

Tja, sagt Singer. 50 Jahre sind vergangen. Es geht ihm gut heute. Er wohnt in Radebeul, zu Fuß kann er in die Weinberge gehen. Er konnte später doch noch ans Gymnasium wechseln, er wurde Fachberater. Er hat zwei Kinder, drei Enkel. Ohne S. gäbe es sie nicht: Singer hat seine Frau bei der Arbeit in der Klinik kennengelernt.

Noch ein Papier auf dem Wirtshaustisch, Nadeldruck. Wieder ein Brief vom Rektor der Uni Jena, diesmal von 1991: eine Entschuldigung, die Rücknahme der Disziplinierung von 1966. Ulrich Singer war rehabilitiert.

Nie mehr reparieren ließ sich aber das Misstrauen, das seit dem Verrat durch den Freund in ihm nagt.


Mehr über den Kirchenspion:   www.nwzonline.de/kirchenspion 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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