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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Vom Kampf um das Ölgemälde am Altar

29.01.2019

Jade Ein Wintertag im Januar. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch den morgendlichen Nebel. Ein wenig versteckt liegt die Trinitatiskirche der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Jade in der Wesermarsch. Ein schlichtes, rotes Backsteingebäude mit rotem Ziegeldach und Westturm.

„Genau das ist der Schatz daran, sie steht ein wenig abseits der viel befahrenen Hauptstraße“, sagt Günther Muhs. Der 64-Jährige ist seit einem Jahr ausgebildeter Kirchenführer. Bis heute stehen in Jade nur wenige Häuser. „Hier war früher alles Moor“, weiß Küster und Friedhofswärter Jürgen Hartmann. „Die meisten Menschen lebten ein bisschen weiter weg in Jaderberg.“ Dennoch wurde auf einer Wurt dennoch um 1525/26 die Kirche gebaut, 1971/72 erfolgte der letzte große Umbau – die Pastorei wurde neu erbaut. Um die Kirche herum befindet sich noch heute ein großer historischer Friedhof.

Der Rodenkirchener war schon früher ehrenamtlich in der Kirche tätig und suchte ein neues Betätigungsfeld. „So bin ich zu der Ausbildung gekommen“, erzählt Muhs. „Am Ende der Ausbildung durfte sich jeder seine Lieblingskirche aussuchen – die meisten wählten ihre Heimatkirche.“ Der Rodenkirchener entschied sich für die rund 20 Kilometer von seinem Wohnort entfernte Trinitatiskirche. „Ich fand sie schön und in dem Kirchenschiff ist wegen der großen Fenster sehr viel Helligkeit.“

Durch einen kleinen Vorraum gelangen die Besucher ins große Kirchenschiff. Sonnenstrahlen scheinen durch die großen bleiverglasten Fenster. Das Kircheninnere ist schlicht. Nur das Ölgemälde hinter dem Altar, das die Auferstehung Jesus Christus an einem leuchtend weißen Kreuz zeigt, fällt ins Auge.

Dezente Einrichtung

Türkise Bänke, blass-pfirsichfarbene Wände, eine Holzdecke mit gelben Ornamenten und blau, weiß und rot gestrichenen Holzbalken wirken indes dezent und zurückhaltend. Für die zu große Orgel, die Mitte des 17. Jahrhunderts hinzu kam, wurde ein Loch in die Kirchendecke geschnitten. Doch auch dieses architektonische Werk fügt sich ins Gesamtbild ein. Am Geländer der Empore, die auf der linken Seite bis fast zum Altar führt, sind 27 Tafeln angebracht, auf denen Bibelstellen und Psalmen stehen.

„In den 1920er Jahren hat die Gemeinde überlegt, ein neues Bild anzuschaffen“, sagt Muhs. Das alte Gemälde, das das Abendmahl zeigt, wurde immer dunkler und unansehnlicher. „Ein neues Bild sollte her und dafür wurde ein Künstler gesucht.“ Der Maler Jan Oeltjen aus Jaderberg meldet sich. „Er steckte damals in finanziellen Schwierigkeiten“, weiß Muhs. Doch die Meinungen waren zweigeteilt.

„Die progressiven Leute setzten sich durch und forderten einen Vorentwurf an“, sagt Muhs. Es sollte ein großes Bild sein, dass die Auferstehung Jesu Christi zeigt. Die ersten Skizzen gingen an den Oberkirchenrat nach Oldenburg, der auch angetan war. Doch die Gemeinde war geteilter Meinung. Ein paar der Kirchenabgeordneten wollten sich auf dem Gemälde verewigen lassen.

Jan Oeltjen fertige einen neuen Entwurf an. Doch nun wollten alle kirchlichen und bürgerlichen Würdenträger – Kirchenräte, Bürgermeister, Organist, Lehrer, Ärzte – mit auf das Bild. „Der Maler selbst hat sich und seine Frau ebenfalls in der Zuschauermenge verewigt“, weiß Muhs und zeigt auf einen hell gekleideten Mann auf der linken Seite des Gemäldes, das 1925/26 entstand.

Doch: „Danach begann der Streit ums Geld.“ Denn der Künstler veranschlagte eine höhere Summe als der Kirchenrat zubilligen wollte. „Er hatte mehr Aufwand betrieben, denn alle Würdenträger wollten mit aufs Bild. Oeltjen hatte von allen Beteiligten Porträts gezeichnet“, erklärt der Kirchenführer. Schließlich sprach der Oberkirchenrat in Oldenburg ein Machtwort und der Künstler erhielt 2500 Mark. „Es gab schon immer Reibereien, wenn es ums Geld geht“, fasst Muhs zusammen.

„Die Gemeinde war sehr fortschrittlich, als sie das Gemälde 1926 tatsächlich aufhängte.“ Dennoch gab es immer wieder Widerstand gegen das Bild. „Anfang der 1990er Jahre gab er einen erneuten Vorstoß der Gegner.“ Sie wollten erreichen, dass das Bild abgehängt wird.

„Daraufhin haben die Befürworter des Gemäldes im Jahr 1991 eine Ausstellung mit allen frei greifbaren Bildern des Künstlers in der Kirche organisiert, um zu zeigen, welche Qualität Oeltjen hat“, sagt Muhs. Die Ausstellung erfuhr großen Zuspruch – das Gemälde „Auferstehung“ blieb hängen.

Viele Anekdoten

Zurück in der Gegenwart. „Ich möchte älteren Menschen, die sich für die Kirche interessieren und eventuell schon vorgebildet sind, die Kirche genauer erläutern“, definiert Muhs seine Zielgruppe. Und er hat noch mehr Anekdoten parat. Im Sommer möchte er einmal pro Monat zu samstäglichen, sommerlich thematischen interaktiven Kirchenbegehungen einladen.

„Es soll eine Entdeckungsreise in der Kirche sein, die Spaß macht.“ Viele Menschen hätten noch nie auf einer Kanzel oder im Altarbereich gestanden. „Die Besucher können die Kirche durch Mitarbeit neu entdecken und einen intensiveren Kontakt herstellen. Die Idee ist, dass die Menschen beteiligt sind und beispielsweise den Altar auch berühren. Sie sollen alle Sinne in Betrieb nehmen.“

Günther Muhs läutet mit einer kleinen goldenen Gebetsglocke. „Am Anfang und Ende der Begehung imitiere ich den Glockenklang, um den Menschen so noch etwas mitzugeben, dass sie vielleicht nicht erwartet haben.“ Jeweils drei Themen für drinnen und draußen hat er geplant.

Das moderne Kunstgemälde am Altar ist ein Thema, das Muhs am Herzen liegt. „Außerdem möchte ich eine Orgelbegehung mit musikalischer Kostprobe mit einem Kirchenmusiker anbieten“, sagt der 64-Jährige. „Die Menschen dürfen dann auch mal die Tasten der Orgel berühren.“ Ein weiterer Aspekt: die Kanzel im frühbarocken Stil und das Taufbecken.

„Die Kanzel wird von einer Moses-Figur getragen, die ächzt und stöhnt“, erklärt Muhs. Er, der Repräsentant des Alten Testaments, trägt die Kanzel, Predigtort des Neuen Testaments, steht hierzu im kulturhistorischen Führer „Die Trinitatiskirche in Jade“ von Uwe Niggemeyer. Das Werk dient auch Günther Muhs als Vorbereitung.

Und auch der Taufstein hat eine interessante, jüngere Geschichte: Das Ehepaar Lür und Lisa Steffens hat 2014 eine Schenkung veranlasst und eine argentinische Künstlerin beauftragt, ein neues Taufbecken zu fertigen. Der tönerne Einsatz weist Fischsymbole und ein Gesicht auf. „Das Fischsymbol ist eines der ältesten der Christenheit und steht auch für ,im Wasser getauft‘“, erklärt Muhs.

Und auch um die Kirche herum gibt es viele „rätselhafte Grabsteine, die Geheimnisse preisgeben“, nennt der Kirchenführer ein weiteres Thema. Auch eine Turmbesteigung mit Glockenläuten und die Betrachtung der Kirche als Bauwerk aus verschiedenen Epochen bietet er an.

Der „Lebetod“

Doch besonders angetan haben es ihm die alten Grabsteine, die aus dem 17. bis 19. Jahrhundert stammen. „Reichere Leute haben sie von Steinmetzen anfertigen lassen – die ärmeren Menschen mussten mit Holzkreuzen Vorlieb nehmen.“

Verlässt man die Kirche und geht ein paar Schritte geradeaus, fällt auf der linken Seite ein besonderer Stein auf: Er stellt zur linken Hälfte Mensch mit Zweig und Blättern und zur rechten Hälfte ein Skelett mit Sichel dar. Oben drüber ist ein Engelskopf abgebildet. „Das ist der ,Lebetod‘“, sagt Muhs, und Jürgen Hartmann, der den Friedhof mit all seinen Erzählungen wie seine Westentasche kennt, fügt hinzu: „Auf der anderen Seite ist ein Blumenbild abgebildet. Der Arzt, der den Grabstein veranlasste, hat in kurzer Zeit drei Töchter durch Krankheit verloren.“

Die Sonne scheint hell auf den Grabstein. Im Schatten ist der Boden gefroren. Die Trinitatiskirche in Jade hält viele spannende Geschichten und Erzählungen bereit.

In dieser Seriestellen wir besondere Kirchen im Oldenburger Land vor. Dabei lassen wir uns von verschiedenen Kirchenführern Einblicke in die jeweiligen Gotteshäuser geben, die über eine normale Erkundung hinausgehen und viele spannende Blickwinkel liefern.
Die nächste Folge erscheint am Dienstag, 12. Februar.

Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
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