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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Wo die Kranken einst „gestorben wurden“

21.08.2017

Wehnen /Oldenburg Als sie endlich rauskommt, nach einem Jahr, verläuft sie sich auf dem Anstaltsgelände. Sie irrt im Garten umher, sie stolpert über die vielen Erdhügel.

„Da geht’s nicht weiter“, ruft ihr ein Gärtner zu, „da liegen die Polacken ... und die Schwachsinnigen von drüben.“

„Aber hier sind gar keine Grabsteine“, sagt sie.

„Wer nichts zu fressen kriegt, kriegt auch keine Steine“, sagt der Gärtner.

Die Erinnerungen schlagen bei ihr wie Blitze ein. Stimmen, die von Patienten erzählen, die „gestorben wurden“. Bilder von Leichen, die über den Anstaltshof getragen werden. Sie selbst, zwangseingewiesen, im Drogen-Delirium ans Krankenbett gefesselt.

Es ist 1948 in Oldenburg, die Kriegswitwe Margarethe Oelkers (Nadja Uhl) will wissen, was da passiert ist in der Heil- und Pflegeanstalt Wehnen. Aber niemand will darüber reden, „keiner will die alten Geschichten mehr hören“, sagen die Leute. „Dat is vörbi“, sagen sie.

Aber es ist natürlich nie vorbei, im Film nicht und in der Wirklichkeit nicht. In der Wirklichkeit war es ein Oldenburger Historiker, der wissen wollte, was da passiert war: Ingo Harms von der Universität Oldenburg, heute 67 Jahre alt. Seit den 80er-Jahren hatte er Krankenblätter und Behördenakten ausgewertet, bis er 1996 endlich den wissenschaftlichen Nachweis bringen konnte: Mindestens 1500 Patienten sind während der Nazi-Zeit in Wehnen ermordet worden. Beamte, Ärzte und Pfleger haben sie verhungern lassen, „Hunger-Euthanasie“ nennt Harms das.

„Ich werde nicht schweigen“ auf Arte am 8. September

Jetzt zeigt Arte am Freitag, 8. September, um 20.15 Uhr den ersten deutschen Spielfilm überhaupt zum Thema NS-Euthanasie: „Ich werde nicht schweigen“. Gedreht hat ihn die aus Oldenburg stammende Regisseurin Esther Gronenborn, Jahrgang 1968, die in dem Film die Geschichte ihrer eigenen Großmutter aufarbeitet. Wissenschaftlich beraten lassen hat sie sich dabei von Ingo Harms.

Harms sagt, er musste zunächst „akzeptieren lernen, dass es andere Zugänge als den wissenschaftlichen zu solch einem Thema geben kann“. Nein, er korrigiert sich: „dass es andere Zugänge geben muss!“ Er hat zwar etliche wissenschaftliche Texte zum Thema geschrieben, aber jetzt wird seine Botschaft erstmals an ein breites Publikum gesendet, bundesweit: „In Wehnen sind 1500 Menschen ermordet worden.“ Geschichte muss manchmal über Geschichten erzählt werden.

Die Figuren der hartnäckigen Margarethe Oelkers und der in Wehnen ermordeten Gisela Eversen sind zwar fiktiv, sie spielen aber vor einem authentischen Hintergrund. „Die Fakten stimmen“, beteuert Wissenschaftler Harms. Auch die realen Schauplätze sind genannt, Oldenburg und Wehnen, obschon sie im Film fremd aussehen: Gedreht hat das Team aus Kostengründen nicht im Nordwesten, sondern in Tschechien, vor allem in Prag.

Nicht zufällig spielt die Geschichte der Margarethe Oelkers 1948: Damals gab es Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover zum Vorwurf der Hungermorde. Die wurden aber 1949 eingestellt, so Harms, „obwohl es eine dicke Akte gab“.

„Die haben Mami einfach nichts mehr zu essen gegeben“, sagt im Film das Mädchen Antje Eversen. „Und auf dem Schein stand dann Lungenentzündung.“

„Hässlich war das“, sagt der Pfleger Otto. „Was soll der Einzelne machen? War’n die Zeiten doch so!“

„Hier in Oldenburg war ja alles sauber“, sagt die Frau des Gesundheitsamtschefs.

Nein, sauber war es eben nicht. Im Film hält Margarethe Oelkers am Ende Beweise für den Massenmord in der Hand und zwingt den grausamen Gesundheitsamtschef zum Geständnis.

In Wirklichkeit dauerte es nach 1948 noch Jahrzehnte, bis Ingo Harms die Taten ans Licht bringen konnte. Und fertig ist er immer noch nicht: Er gibt offene Fragen zu den Profiteuren der Hunger-Euthanasie; durch die Reduzierung der Nahrungsmittelausgabe an Patienten erwirtschaftete der Landesfürsorgeverband Millionen. „Ich bleibe dran“, verspricht Ingo Harms, der Wissenschaftler.

Lesen Sie auch:
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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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