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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Up’m Prüfstand: Kleine Kneipe auf 4,5 Quadratmetern

14.10.2011
NWZonline.de NWZonline 2015-07-30T13:41:36Z 280 158

Up’m Prüfstand:
Kleine Kneipe auf 4,5 Quadratmetern

VAREL Der Geruch von frisch frittiertem Fisch hängt über dem Vareler Hafen. Boote mit Namen wie „Laura“ und „Edo M.“ wiegen sich an diesem Herbstmorgen um halb elf herrenlos im Wasser. „Aale“ werden auf einem übermenschengroßen Schild angepriesen. Die Stühle vor dem Café Hafenblick sind leer. Die Tür des Fischrestaurants öffnet sich, und Gastwirtin Uschi Reents tritt heraus. Ihr Arbeitstag hat vor wenigen Minuten begonnen.

Direkt gegenüber liegt ein kleines Backsteinhäuschen in der Sonne. Es ist die vermutlich kleinste Kneipe Deutschlands. In diesem Jahr feiert sie ihren 20. Geburtstag. Reents wischt sich die Handflächen an der dunklen Jeanshose ab, als sie die Straße überquert. Sie stand schon in der Küche – um halb zwölf erwartet sie die ersten Gäste.

Idee kommt beim Skat

Die Geschichte der Kneipe „Up’m Prüfstand“ begann als Werbegag. „Mein Mann Wolfgang hatte die Idee beim Skatstammtisch“, erzählt die 57-Jährige. Reents sperrt die Kneipe auf, wenn Gruppen sich anmelden.

„Bullenschluck“ steht auf einem Aufkleber am Fenster. „Ein Fass Bier wird nur angesteckt, wenn es sich lohnt. Viele Ausflügler wollen unterwegs einen Bullenschluck trinken“ sagt sie. Das Kult-Getränk, dessen Etikett scherzhaft empfiehlt, den Inhalt „bei Lahmheit der Rinder, Pferde und Zugochsen und zur inneren Einreibung bei Menschen“ anzuwenden, kauft Reents in der Apotheke in Sulingen.

Theke, Zapfhahn und ein kleines Spülbecken – viel mehr passt nicht in den 4,5 Quadratmeter großen Raum. „Man kann zwei, drei Hocker reinstellen, aber ein Tisch passt einfach nicht“, sagt Reents. Auf einem Regalbrett an der Wand hinter der Theke steht ein gerahmtes Foto der Vareler Rugby-Mannschaft neben einem schwarz-rot-goldenen Pokal. „Früher waren die Spieler Stammgäste. Aber seitdem es das Vareler Hafenfest nicht mehr gibt, kommen die nicht mehr“, sagt sie und zuckt mit den Schultern.

Zum ersten Mal wurde das Gebäude der heutigen Kneipe in den 30er Jahren erwähnt. „Da war es eine Waage für Fischgammel, der in einer Mischmühle zu Fischmehl verarbeitet und gewogen wurde“, erzählt Reents. Später dann, in den 70er Jahren, wurde es ein Bremsenprüfstand für Lkw. Der Nachbar, dem die Hütte gehörte, schenkte sie Uschi Reents’ Mann.

Auf ihre Stammgäste konnte sich die Gastwirtin verlassen. „Sie haben Dachziegel gesponsert, das Dach gezimmert und viel geholfen“, sagt Reents. Nach der Eröffnung gaben sich Medienvertreter die Klinke in die Hand. „Der NDR war zweimal da, Bremen 1 und Sat 1 – die meisten Beiträge habe ich gar nicht gesehen oder gehört“, sagt Reents und hebt die Hand vor die tiefstehende Morgensonne, die sie durch die offene Tür blendet. Viele Urlauber kehren immer wieder in die Kleine Kneipe zurück, aber auch neue Gäste kommen auf den Geschmack.

Besuch aus Berlin

„Für den nächsten Frühling hat sich gerade vorhin eine Country-Band aus Berlin angemeldet. Die haben in einer Berliner Zeitung einen Artikel über uns gelesen und wollen jetzt mit Miniatur-Instrumenten ein Konzert geben“, sagt Reents, die sich sichtlich auf den fernen Besuch freut. Für den Nachmittag hat sich eine Gruppe angekündigt, die hier rasten und den legendären Bullenschluck testen möchte.

Ob sie wirklich die kleinste Kneipe Deutschlands besitzt, weiß Reents nicht. Einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde hat sie nie angestrebt. Wichtig ist ihr vor allem eines: Der gemütliche Klönschnack mit den Stammgästen. Vor der Tür stellt sie bei Hochbetrieb ein Warndreieck auf. „Vorsicht Kellner“ wurde eigens für die Kneipe angefertigt, damit die Speisen sicher über die Straße gebracht werden können.

Restaurant übernommen

Dass sie mal ein eigenes Restaurant führen würde, hätte sich die 57-Jährige früher nie träumen lassen. „Ich wollte Kindergärtnerin werden. Aber mein Verlobter hat das Restaurant aufgemacht“, erzählt sie. Die Beziehung ging auseinander, und Reents übernahm die Gastwirtschaft. „Da hatte ich Lust zu. Und manchmal fühlt sich die Arbeit auch ein bisschen an wie im Kindergarten“, sagt sie und lacht schelmisch. Wie lange sie den Job noch machen will? „Solange ich Lust habe“, sagt sie.

Eigene Kinder hat Uschi Reents nicht. Ihr Mann Wolfgang und Hund Balu werden heute wieder auf sie warten, wenn sie gegen elf Uhr nachts nach Hause kommt.

In den 30ern befand sich in dem Gebäude eine Waage für Fischreste.

1970 wurde das Backsteinhaus in einen Bremsenprüfstand für Lkw umfunktioniert.

Dieser wurde 1988 nicht mehr gebraucht, und Up’m Prüfstand entstand.

Nach dem Umbau zur Kleinen Kneipe gaben sich Fernseh- und Radioteams die Klinke in die Hand.