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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Nazis vertrieben Großvater aus Varel

08.11.2016

Varel Die Familie Schwabe hatte ein gut gehendes Textilkaufhaus in Varel. Besonders markant: Der Erker des stattlichen Wohn- und Geschäftshauses in der Haferkampstraße. Generationen von Vareler Bürgern sowie die Landbevölkerung aus Varel und der Wesermarsch kleideten sich bei Schwabe ein oder kauften den Stoff.

Nur samstags war der Laden geschlossen – zum Sabbat, dem jüdischen Feiertag. Der Firmeninhaber Gustav Schwabe war 48 Jahre lang Vorsteher der Synagogengemeinde. Er starb 1933, sein Sohn Curt wurde Gemeindevorsteher und blieb es, bis er kurz vor der Pogromnacht 1938 selbst mit seiner Familie über Hamburg ausreisen konnte.

Curt Schwabe-Barlewin, seine Frau Frieda und die Söhne Paul Jacob und Arthur David emigrierten in die USA. Curt Schwabe-Barlewin kehrte nie zurück nach Varel. Das Geschäftshaus wurde 1974 gegen den Widerstand vieler Bürger abgerissen. Was blieb, ist ein Stück der rückwärtigen Mauer des Gartengrundstücks. Jetzt gibt es etwas mehr, das an die Schwabes erinnert. Eine Erinnerungstafel listet die Mitglieder der Familie auf, die über 150 Jahre lang das Leben der Stadt prägten, bis die Nationalsozialisten die Vareler Juden vertrieben.

Der Neugier von Curt Schwabes Enkel Greg Schwabe (49) ist es zu verdanken, dass die jüdische Geschichte Varels besser erschlossen werden kann. Vor einem Jahr machte der Buchhändler Greg Schwabe eine Reise nach Europa. Von Berlin aus fuhr er spontan nach Varel, die Heimatstadt seines Vaters und die der Großeltern. Das war ein Besuch „inkognito“, denn Schwabe hatte niemandem seinen Besuch angekündigt.

Emotionaler Moment

Jetzt, ein Jahr später, reisten Greg Schwabe sowie seine Schwestern Riza Hernandez (46) und Felicia Hyman (51) nach Varel. Sie hatten vom Arbeitskreis Juden in Varel erfahren, dass eine Erinnerungstafel am ehemaligen Schwabe-Wohnhaus aufgestellt wird.

Es war ein „sehr emotionaler Moment“, sagte Felicia Hyman später im Heimatmuseum, wo Volker Landig (Verein Gröschler-Haus Jever; er kümmert sich um die Geschichte der Juden im Jeverland), Historiker Holger Frerichs (Schlossmuseum Jever) und Heimatvereinsvorsitzender Hans-Georg Buchtmann den Schwabes Dokumente ins Englische übersetzen. Die Schwabe-Geschwister haben Fotos und Briefe mitgebracht, die ihre Großeltern mit in die USA genommen haben. Darunter finden sich die Hochzeitsreden, die 1884 gehalten wurden, als Gustav und Pauline Schwabe heirateten. Es gibt Postkarten und Korrespondenz, die Gustav Schwabe mit jüdischen Freunden und Gelehrten führte, darunter Theodor Herzl.

Suche nach Münzen

Es gibt auch Fotos von der Holz-Truhe, in der Curt und Frieda Schwabe-Barlewin ihre Habe verstauten, die sie mit in die USA nehmen durften. Einen Stuhl aus der Vareler Wohnung durften sie mitnehmen, der steht heute in Kalifornien bei Enkelin Felicia Hyman.

Für Curt Schwabes Enkelin Felicia ist es ein besonderes Gefühl, in Varel zu sein. Zum Besuchsprogramm gehört die Besichtigung des Wenigen, was an die kleine jüdische Gemeinde in Varel erinnert, die vielleicht 80, maximal 100 Köpfe zählte. Die Schwabes schauen sich die Gartenmauer an, die stehengeblieben ist und einst das Grundstück abgrenzte, den Platz der 1938 zerstörten Synagoge in Varel. Dann geht es zum jüdischen Friedhof in Hohenberge, wo Gräber der Familie Schwabe sind. Außerdem schauten sie sich Neustadtgödens und Jever an, ebenfalls Orte, in denen jüdische Gemeinden bestanden.

Der Vater von Greg Schwabe, Paul Jacob, war nie wieder in Deutschland, erläutert Greg Schwabe. Aber Gregs Onkel Arthur. Der kehrte als Nachrichtenoffizier der US-Armee nach Deutschland zurück. Nach dem Krieg regelte er auch die Restitutionsangelegenheiten seines Vaters, der neben Grundbesitz auch Wertpapiere und eine Münzsammlung hatte.

Die Münzen hatte er bei seiner Emigration einem Nachbarn gegeben. Arthur Schwabe suchte den Nachbarn auf und fragte nach den Münzen. Der hatte nur eine einzige, die er zurückgeben konnte. „Wo sind die anderen“, fragte Arthur Schwabe. Der Mann bleckte nur die Zähne und deutete auf seinen Zahnersatz.

Hans Begerow
Leitung
Politik/Region
Tel:
0441 9988 2091

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