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NWZonline.de

Schwestern der Perpetuellen Indulgenz in Oldenburg: Nordschwestern auf weltlicher Mission

NWZonline.de NWZonline 2017-06-19T14:28:32Z 280 158

Csd Nordwest In Oldenburg:
Nordschwestern auf weltlicher Mission

Unterwegs auf weltlicher Mission: Gardist Anastasius und Schwester Lea. (Foto: privat)

Oldenburg Jedes Jahr sieht man sie auf dem Christopher Street Day (CSD) – mit weiß geschminkten Gesichtern, buntem oder schwarzem Gewand und einer „Titten“-Haube auf dem Kopf, wie sie selber sagen: ein paar Männer im Nonnenfummel, die schon durch ihr Dienstoutfit für gute Laune sorgen. Immer, wenn Zeit ist, sind sie unterwegs – in weltlicher Mission.

Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz verbreiten „universelle Freude“, kämpfen gegen Stigmatisierung und engagieren sich für die HIV-Prävention, im Oldenburger Land und bei den CSD in anderen Regionen.

der orden

In Deutschland gibt es offizielle und inoffizielle Häuser. Ein Konzil hat hierzulande die Standards für zum Beispiel Ausbildung und Kostümierung festgelegt. Dazu gehört, dass alle Schwestern ihr Gesicht weiß schminken. Es gibt aber auch Orden, die von diesem gemeinsamen Nenner abweichen, zum Beispiel nicht weiß geschminkt unterwegs sind. Auch variieren die Hauben: Es gibt auch welche ohne, mit kleinen oder anders positionierten „Titten“.

Die Schwestern finden sich in Gruppen zusammen, die wie bei geistlichen Orden „Häuser“ genannt werden. Klassisch hat jedes Haus eine Ordensmutter, bei den Nordschwestern teilen sich drei Mitglieder diese Aufgabe. Einige Orden würdigen Ehrenmitglieder als Seliger oder Ordensdame. Manchmal werden Schwestern heilig gesprochen.

Zwei von fünf Ordensmitgliedern im Tempel der nordischen Freude, dessen Missionen vor allem in Niedersachsen liegen, sind die Schwester Lea (seit Jahren 28 Jahre alt) und der Gardist Anastasius (35, in echt). Ihre bürgerlichen Namen wollen die beiden hier nicht lesen, auch wünschen sie sich keine Fotos in Zivil in der Öffentlichkeit. Der Grund liegt in der Ordensgeschichte: „Das Kostüm hatte ursprünglich eine Schutzfunktion. Auch weil einige der Schwestern Prostituierte waren.“ Das sei bei ihnen nun nicht der Fall, versichert Lea. Die Kostümierung sei heute vielmehr ein Schutz für diejenigen, die sich mit ihren Fragen und Sorgen an sie wenden. So würden ihre Gesprächspartner die Schwestern im Alltag, zum Beispiel bei einem Treffen im Arbeitsumfeld, nicht wiedererkennen.

Alles begann in San Francisco

Es gibt sie schon lange, die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz. Letzteres bedeutet so viel wie „immerwährender Ablass“. Das kann man hier in Anlehnung an den mittelalterlichen Ablass im Sinne von Sündenvergebung verstehen: „Gräme dich nicht, akzeptiere dich, wie du bist und lass die ,Schuld/die Stigmatisierungen’, die man dir unterstellt – zum Beispiel dadurch, dass du lesbisch, bi, Trans, schwul bist – hinter dir und blicke nach vorne, wir nehmen dir diese Last ab“, erklärt Lea. So war es auf jeden Fall zu Gründungszeiten.

Trailer zum Film „Die Schwestern“ Sigrid Smejkal und Manfred Hoschek

Seinen Ursprung hat der Orden in San Francisco. „1979 liehen sich dort ein paar Männer aus einem Kloster die Habits aus – unter dem Vorwand, damit das Musical ,Sound of Music’ aufführen zu wollen“, erzählt Schwester Lea. „Aber das sagten sie nur so.“ In Wirklichkeit liefen sie mit den Gewändern über den Strand und vertrieben dort Menschen, die Homosexuelle diskriminiert hatten. „Mit Wasserpistolen“, sagt Lea. „So geht auf jeden Fall die Legende.“

Ob das nun stimmt oder nicht: Die Schwestern erfuhren in den USA einen regelrechten Hype. Lea: „Sie traten dort sogar beim Basketball als Cheerleader auf.“ Als die Aids-Seuche ausbrach, kümmerten sie sich um die Todkranken, engagierten sich für die Aufklärung und entwickelten im prüden Amerika eine positive, sexuelle Sprache. „Das war die wirkliche Geburtsstunde der Schwestern. Damals schärften sie ihr Profil“, sagt Lea. Zwei Gründungsschwestern leben noch: Vish in San Franciso und Mish in Illinois.

Erster Safer-Sex-Flyer für Schwule

Heute noch bekannt ist der Flyer, den sie entwickelten: „Safer Sex: Play Fair“ von 1982. Darin erklärten die Schwestern homosexuellen Männern, wann sie sich beim Sex mit dem HI-Virus anstecken können, wann nicht und was es überhaupt so für Möglichkeiten gibt beim Sex – der wohl erste Flyer dieser Art für Schwule. Der Kampf gegen HIV ist bis heute eines der Hauptziele der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz.

Rund zwölf Jahre nach dem ersten Schwestern-Auftritt in San Francisco verbreitete sich der Orden in Europa. „Anfang der 90er-Jahre war die Gründerin zu Besuch in Europa“, erzählt Lea. „Sie besuchte Deutschland, England und Frankreich – und schon waren wir missioniert.“

Das unterscheidet die Schwestern von Dragqueens

„Oft werden wir mit Dragqueens verwechselt“, sagt Anastasius. Bei denen gehe es darum, in eine andere Rolle zu schlüpfen. „Wir aber nutzen das Straßentheater nur dazu, um die Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.“ Das geht mit dem Alter Ego besser. Lea betrachtet Gewand, Diensthaube und Make-up als ihr Dienstoutfit.

Unterwegs mit der Blechbüchse: Die Schwestern sammeln im Kampf gegen HIV und Aids Spenden. (Foto: privat)

Ihre Ziele haben sich mit der Zeit weiterentwickelt. „Am Anfang wollten wir unglaublich viele Spenden für HIV- und AIDS-Projekte sammeln“, sagt Lea. An diesem konkreten Auftrag konnten sie sich „entlangsammeln“. „Jetzt ist uns der Kampf gegen die Stigmatisierung wichtiger.“ Auch weil Lea öfters erlebt, dass Leute ausgegrenzt werden. Ihr ist es besonders wichtig, dass niemand wegen seines Äußeren oder wegen seines Alters vorverurteilt wird. Darum ist ihr ewiges 28-Sein nicht als pure Koketterie abzutun.

2006 führte Lea beim CSD ein Interview mit einer Schwester der Perpetuellen Indulgenz. Schnell war ihr klar: „Das will ich auch!“ Von heute auf morgen ging das aber nicht. Eine Ausbildung ist nötig, um in den Orden aufgenommen zu werden. Auch um das Schminken zu lernen. „Eine Nonne zeigt den Auszubildenden, wie es geht“, sagt Lea. „Auch Youtube-Tutorials helfen beim Augen-Make-up.“ Wer geübt ist, schafft das Make-up in zwei bis zweieinhalb Stunden. Das weiß geschminkte Gesicht der Schwestern steht ursprünglich für den Tod, den Tod durch HIV. Die Farben stehen für die Lebensfreude.

Ausbildung zur Schwester

Das Aspirat ist die erste Stufe der Ausbildung. Als Aspirantin begleitet man eine Schwester auf ihrer Mission. Dabei ist schweigen angesagt – um zu zeigen, dass man wirklich in den Orden aufgenommen werden möchte.

Im Postulat hat man die Ernsthaftigkeit seines Vorhabens bewiesen und findet sich langsam in seine Ordensfigur ein. Postulatinnen dürfen sich das Gesicht bereits weiß schminken und ein leichtes Augen-Make-up tragen. Sie sind unterwegs und verteilen Kondome. Über Ordensangelegenheiten wie zum Beispiel die Geschichte und Ziele der Schwestern dürfen sie in der Öffentlichkeit noch nicht Auskunft geben.

Im Noviziat vervollständigt man sein Dienstoutfit, bekommt „Titten“ und Glitzer und schminkt sich komplett. Nach einem Jahr Ausbildung ist fertige Schwester, Gardist oder Engel.

Lea wollte von Anfang an Schwester werden. Anastasius hingegen entschied sich aus pragmatischen Gründen für eine andere Figur: „Als Gardist muss ich mir keinen BH auf den Kopf schnallen.“ Er kam 2007 dazu, nachdem er schon lange als Korbträger mitgearbeitet hatte.

Anders als im echten Leben

Beide Männer haben als Lea und Anastasius leicht veränderte Charakterzüge. Lea ist aufdringlicher als im echten Leben, eine „potenzierte Rampensau“. Als „angenehm distanzlos“ wurde sie mal beschrieben. Anastasius ist ruhiger als sonst. Sie „baggert“ ein bisschen mehr, er ist der Zuhörer-Typ. Lea kann gut mit dem jungen, den Pubertierenden, Anastasius spricht lieber mit Erwachsenen. „Zum Glück sind die Menschen unterschiedlich“, meint Lea. „So ist für jede Zielgruppe eine Ordensfigur dabei.“

Gespräche mit den Schwestern ergeben sich meistens auf den Partys, wo sie Kondome verteilen. Verstärkt sind sie dort unterwegs, „wo es ein paar Stunden später zu Sex kommen kann“. Um der Ansteckung mit dem HI-Virus oder einer anderen Krankheit zum passenden Zeitpunkt zu vorzubeugen. In den Gesprächen geht es um „alles“: Ein Mann fragt um Rat, weil sein Partner sich angesteckt hat. Ein Bisexueller fragt, wie er eine Infizierung verhindern kann. Auch Coming-out-Gespräche sind bei den Schwestern an der Tagesordnung.

Ein paar Pöbeleien, auch einen offenbarer körperlicher Angriff, erlebten die Oldenburger Schwestern. „Insgesamt hatten wir aber Glück, auch weil wir oft in der Gruppe unterwegs waren“, sagt Lea. „Bei mir traut sicher keiner, mich anzupöbeln!“, meint Anastasius, der als Gardist für den Schutz der Schwestern zuständig ist, mit einem Augenzwinkern.

Das bedeutet „universelle Lebensfreude“

Bei allem nicht zu vergessen, die „universelle Lebensfreude“, wie die Schwestern hierzulande den Begriff „perpetuelle Indulgenz“ heute lieber übersetzen, weil sie die Kirche nicht karikieren wollen: „Für mich heißt das, in jeder Situation, in jeder Lebensphase etwas Gutes zu sehen“, sagt Lea. Anastasius: „Freude besteht nicht nur aus Materiellem. Du kannst dich auch einfach freuen, dass heute mal einmal die Sonne scheint. Oder dass du hier beim Interview so einen lustigen orangen Saft trinkst. Oder du hörst einfach das richtige Lied im richtigen Moment!“

Lebensfreude ist für die Schwestern ein Anknüpfungspunkt, Türöffner, die erste Säule ihrer Arbeit, die ihnen viel Spaß macht. Ernster werden sie beim Thema Prävention. „Da hat sich nicht viel verändert“, sagt Lea. „Die jungen Leute haben immer noch keine Ahnung, sie sind naiv, verantwortungslos.“

Sorgen machen ihnen auch zwei Präparate, die den Umgang mit dem HIV-Risiko ihrer Meinung nach eher verschlimmern als verbessern: Die Prophylaxe PREP, die bei ungeschütztem Sex die Übertragung des Virus verhindert, und das Präparat PEP, das den Virus nach der Übertragung herausspült. Das Problem: Erstere schützen zwar vor HIV, aber anders als Kondome nicht vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Mit Zweiteren werde man den Virus zwar in der Regel wieder los. „Aber du gehst durch die Hölle“, meint Lea.

HIV: Das sind heutzutage die Risikogruppen

Junge Leute bis Ende 20 seien die eine Risikogruppe. Aber auch diejenigen, die die HIV-Welle überlebten, verzichten teilweise auf Kondome. Das Schockierende: ganz gezielt. „Manche meinen, sie könnten entspannter leben, wenn sie das Virus haben. Die abstrakte Angst davor setzt sie unter Druck.“ Das hat Lea auch selbst in Gesprächen gehört. Lea und Anastasius geben ihr Wissen über HIV- und Aidsprävention gerne weiter. Bei komplizierten Fragen verweisen sie jedoch an Beratungsstellen wie die Aidshilfe weiter.

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Der religiöse Bezug der Schwestern ist zufällig, verankert durch die Ursprungsgeschichte des Ordens. „Wir wollen uns auf keinen Fall über Nonnen lustig machen“, sagt Lea. „Wir nehmen deren Arbeit sehr ernst und wünschen uns, dass sie unsere Arbeit ernst nehmen.“ Es geht nicht um Persiflage – im Gegenteil: „In Berlin gibt es sogar ein Hospiz, in dem protestantische Schwestern mit unserem Orden zusammenarbeiten“, sagt Anastasius. „Die haben wunderbar verstanden, dass wir die gleiche Arbeit machen wie sie.“

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