• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Historiker heben vergessenen Schatz

21.11.2017

Oldenburg /London Es muss sich wie das Heben eines lang verloren geglaubten Schatzes angefühlt haben, als die Historikerin und Professorin für die Geschichte der „Frühen Neuzeit“ der Universität Oldenburg, Prof. Dr. Dagmar Freist, zusammen mit ihrem Team 2012 durch Zufall auf die „Prize Papers“ (deutsch: Prisenpapiere) stieß. „Als wir die ersten Boxen aufgemacht haben, waren wir völlig fasziniert“, sagt Freist, die für ein europäisch vernetztes Forschungsprojekt damals in London weilte.

Zu dem Team, das 2012 die Dokumente mit als erstes untersucht und anschließend bereits wissenschaftliche Aufsätze verfasst hatte, gehörten Christina Beckers, Annika Raapke, Lucas Haasis und Jessica Cronshagen.

Dokumente aus der Zeit zwischen 1600 und 1817

Die Papiere – darunter ungeöffnete Briefe, Tagebücher, Journale, Logbücher, Verwaltungsakten, Frachtlisten und weitere Dokumente – lagern in den Britischen Nationalarchiven in London und stammen aus der Zeit der Seekriege zwischen 1600 bis 1817. Bei Schiffskaperungen sicherten die Besatzer damals das gesamte Schriftgut an Bord, um vor Gericht beweisen zu können, dass das gekaperte Schiff und seine Waren tatsächlich feindlich waren. Nach den abgeschlossenen Prozessen vor dem Londoner High Court of Admiralty wurden die Papiere gemeinsam mit den Gerichtsakten im Tower gelagert – und schließlich vergessen. „Das Spannende ist, dass wir auf Material treffen, was einzigartig ist“, erklärt Freist. „Es sind Zufallsüberlieferungen, die nie durch eine ordnende Hand gegangen sind.“ Der Bestand umfasst 4000 Boxen, mehr als drei Millionen Dokumente aus 28 000 Kaperungen von niederländischen, portugiesischen, italienischen, französischen und deutschen Schiffen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten Archivare den völlig unsortierten Bestand, ohne jedoch sein Potenzial zu erkennen. In den 80er Jahren machten sich dann niederländische Historiker an die „Prize Papers“, ließen aber schnell wieder von ihnen ab.

Projekt „Prize Papers“ an der Uni Oldenburg

Und nun: Übernimmt die Universität Oldenburg ab 2018 die wissenschaftliche Durchführung für ein Projekt im größten geisteswissenschaftlichen Forschungsprogramm Deutschlands: Das Projekt „Prize Papers“ ist in das von Bund und Ländern finanzierte Akademienprogramm aufgenommen worden. Unter Leitung der Oldenburger Historikerin Freist wird das Forschungsvorhaben im Januar 2018 in der Trägerschaft der Akademie für Wissenschaften zu Göttingen starten.

Ziel ist das Erfassen, Digitalisieren und Veröffentlichen der sogenannten „Prize Papers“. Das Fördervolumen liegt bei 9,7 Millionen Euro, bei einer Laufzeit von 20 Jahren. „Die Aufnahme in das Akademienprogramm kommt einem Ritterschlag gleich. Ich freue mich sehr, dass die intensive Vorarbeit unserer Historikerinnen und Historiker diese außerordentliche Würdigung erfährt und das Projekt nun langfristig gesichert ist“, sagt Universitätspräsident Prof. Dr. Dr. Hans Michael Piper. Projektleiterin Freist ergänzt: „Die ,Prize Papers’ sind ein einmaliger historischer Bestand: Sie sind nahezu unberührt und können uns viel über das tatsächliche Leben der Menschen in der ,Frühen Neuzeit’ verraten. Als Historikerin empfinde ich es als besondere Ehre, diesen Schatz gemeinsam mit meinem Team heben zu dürfen.“

Kostenfreie digitale Datenbank ist das Ziel

Zunächst wurde und wird aber zuallererst Grundlagenforschung betrieben. Die Dokumente erhalten eine archivarische Beschreibung (Ort, Datum, Personen etc.). Anschließend wird jedes Dokument eingescannt und erhält eine eigene Signatur. Danach erfolgt die Tiefenerschließung, sprich ein genauerer Blick auf die Dokumente. Am Ende entsteht so eine digitale Datenbank auf Englisch, die für die Forschung und Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich ist.

Durch die thematische Breite der „Prize Papers“ würde die Geschichtsforschung der „Frühen Neuzeit“ neue Ansatzpunkte erhalten, erklärt Freist. „Wir bekommen dadurch einen Einblick auf die Wahrnehmung dieser Zeit aus der Sicht unterschiedlicher sozialer Gruppen.“ Themen wie Familien- und Migrationsgeschichte, aber auch Regionalgeschichte sind ein Teil davon. Schließlich stammen viele der Dokumente beispielsweise aus Norden, Emden oder auch Bremen.

Erkenntnisse zur europäischen Migration

„Vor allem die Familiengeschichte ist spannend“, sagt die Historikerin. So wären auf den Schiffen, neben der Besatzung, auch Passagiere an Bord gewesen, darunter oftmals auch Kinder, die alleine und aus den verschiedensten Ecken der Welt zu Verwandten nach Europa reisten. Die „Prize Papers“ würden in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die europäische Migrationsgeschichte und ihre Einzelschicksale werfen. „Gesellschaften waren schon immer von Migration geprägt“, erklärt Freist. Was es eigentlich heißt in die Fremde zu gehen, sei dabei eine interessante und spannende Fragestellung, die Parallelen zur heutigen Zeit aufwerfen würde. Aber auch über den Handel zu dieser Zeit erfahren die Historiker aufschlussreiche Dinge. „Es ist interessant, was sich unter dem offiziellen Warenhandel alles hin und her geschickt wurde“, sagt Freist. Musikinstrumente, Medikamente, Alltagsgegenstände sowie Stoffe und Kleidung und vieles mehr wurden an Verwandte auf diese Art versandt.

Mithilfe der „Prize Papers“ können aber auch andere wissenschaftliche Disziplinen wie die Klimaforschung, Medizingeschichte, Geografie sowie Natur- und Sprachwissenschaften neue Erkenntnisse sammeln. „Es wird viel neue Forschung in diesen Bereichen entstehen“, ist sich die Historikerin sicher.

Projekt ist auf 20 Jahre angelegt

Aber auch die Studenten der Uni Oldenburg sollen von dem Fund profitieren. So wurde die Forschung zu den Prisenpapieren bereits in die Lehre aufgenommen, neue Module im Bachelor- und Masterstudiengang sind entstanden. „Das werden wir noch intensivieren“, sagt Freist.

Die Aufnahme ins Akademienprogramm eröffnet dem Projekt nun neue Möglichkeiten: Ein festes, dreiköpfiges Wissenschaftler-Team sowie neun temporär beteiligte Nachwuchswissenschaftler, Projektfotografen und Studierende werden in den kommenden 20 Jahren die „Prize Papers“ sortieren, digitalisieren und in der Datenbank für Interessierte zugänglich machen.

Die Begriffe „Frühe Neuzeit“ oder „Frühmoderne“ bezeichnen in der Geschichte Europas üblicherweise das Zeitalter zwischen dem Spätmittelalter (Mitte 14. Jahrhundert bis Ende 15. Jahrhundert) und dem Übergang vom 18. Jahrhundert zum 19. Jahrhundert.

Wie bei allen Periodisierungen in der Geschichtswissenschaft lassen sich keine exakt datierbaren Epochengrenzen ziehen. In geisteswissenschaftlicher Hinsicht gelten das veränderte Menschenbild des Humanismus und die dadurch geprägte Zeit der Renaissance (Wiedergeburt der Antike) sowie die Entwicklung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg als Beginn der Zeitenwende zwischen Mittelalter und Neuzeit.

Das Ende der „Frühen Neuzeit“ wird weitgehend übereinstimmend mit der Französischen Revolution (1789 bis 1799) angesetzt, die zugleich das Zeitalter der Aufklärung abschließt. Im deutschsprachigen Raum endete die „Frühe Neuzeit“ 1806 mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation auf Druck von Napoleon Bonaparte.


Mehr Infos unter   www.prizepapers.de 
Niklas Benter
Volontär, 3. Ausbildungsjahr
NWZ-Redaktion
Tel:
0441 9988 2003

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.