• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Schlechte Nachrichten für Pessimisten

21.02.2019

Oldenburg Der tote Botschafter ist richtig platziert. Licht und Komposition stimmen. Das perfekte Bild. Eigentlich. Würde es nicht eine grausame Wahrheit zeigen, hätte es nicht verheerende Folgen gehabt.

An die Wand des OLB-Veranstaltungssaals im Oldenburger Bahnhofsviertel ist das weltbeste Pressefoto 2017 von Burhan Ozbilici projiziert. Die Aufnahme aus dem Jahr 2016 zeigt den 22-jährigen türkischen Bereitschaftspolizisten Mevlüt Mert Altintas, der in einer Galerie in Ankara den russischen Botschafter Andrej Karlow erschossen hat, seinen Arm empor gereckt, den Hass feiernd.

Darf man so etwas zeigen? Hat dieses Bild tatsächlich den Titel World Press Photo verdient? Warum gewinnen immer nur Abbildungen von Krieg, Krisen, Katastrophen?

„Ist heile Welt uns nicht genug?“ lautet die übergreifende Frage der Podiumsdiskussion im Rahmen der World-Press-Photo-Ausstellung am Dienstagabend. Nicht nur die Gäste auf der Tribüne, auch das zahlreich erschienene Publikum hatten dazu einiges zu sagen. „Ich will nicht abstumpfen, als Betrachter“, sagt eine Dame, sie interessiere auch, was es Gutes in der Welt gebe – und erntet Applaus. Aber wenn alle dieser Meinung sind, warum werden dann Unfallberichte im NWZ-Online-Portal am häufigsten gelesen? Wieso verkauft sich das Elend so gut? Und ist es nicht auch wichtig, den Finger auf die Wunde zu legen?

„Wie würden die Schlachtfelder dieser Welt aussehen, wenn keiner darüber berichtet“, fragt Rolf Nobel, der, als langjähriger Leiter des hannoverschen Studiengangs Dokumentarfotografie, den toten Botschafter ebenso perfekt inszeniert, wie unpassend findet. Der 68-Jährige hält auch Ronaldo Schemidts Siegerbild des brennenden, venezolanischen Demonstranten für eine Fehlentscheidung der Jury. „Ein Schnappschuss. Wie aus einem James Bond-Film.“ Der Attentäter auf Burhan Ozbilicis Aufnahme sei übrigens später zur Ikone der Terroristen geworden, die das Bild für Propagandazwecke genutzt haben, man müsse sich auch Fragen, welche Moral so ein Foto transportiere. „Es ist Zeitgeschichte“, sagt Lars Reckermann ein paar Stühle weiter. Der NWZ-Chefredakteur hat sich bei der damaligen Veröffentlichung dafür entschieden, die Leiche nicht abzubilden. „Weil wir eine Familienzeitung sind.“ Dennoch: Den siebten und achten tödlichen Unfall auf der A 1 lasse er nicht unter den Tisch fallen – auch, wenn es nicht schön ist.

Hintergrundberichte und Termine im Multimedia-Dossier:

„Verstümmelung, Völkermord, Erdbeben,...“, Rainer Liskowski liest die Stichworte zu World-Press-Gewinnerbildern der vergangenen Jahre vor. Der Moderator des Abends möchte von seinen Gästen wissen, ob es auch anders geht. „Tut es“, findet Carmen Jaspersen, die als erste Frau in der vierjährigen Oldenburger World-Press-Ausstellungsgeschichte auf dem Podium sitzt. Der 52-jährigen DPA-Fotografin gefällt die Bilderserie der schwimmenlernenden Frauen aus Sansibar. Aufgenommen hat sie die US-Amerikanerin Anna Boyiazis. Siegen würden nie Fotografinnen, stellt die Bremerin fest.

Hören Sie hier ein Interview mit Ronaldo Schemidt:

Ob die weibliche Perspektive fehlt oder unsere Sicht zu eurozentristisch ist, wie Rainer Lisowski zur Diskussion stellt, bleibt an diesem Abend unbeantwortet. Für 90 Minuten gibt es zu viele Fragen. „Wie kriegen wir positive Berichterstattung hin?“, will der Moderator wissen. „Nicht, indem wir Heidi beim Ziegenmelken auf der Alm zeigen“, sagt Alexandru Pasca. Der Gruner+Jahr-Bildredakteur plädiert dafür, mehr Geschichten über heimliche Helden, vermeidliche Verlierer, zu machen. Oder von jenen Mutigen, die sich dem Elend stellen – Medizinern, die ihren Jahresurlaub opferten, um in Griechenland ankommende Flüchtlinge zu versorgen, schlägt Rolf Nobel vor. Das sei auch eine Möglichkeit, über Themen zu berichten.

Das Publikum klatscht. Man ist gut vorbereitet. Etliche haben Zeitungsberichte über die Ausstellung mitgebracht. Die Meisten wissen, dass der von Ronaldo Schemidt porträtierte Demonstrant mit schwersten Verbrennungen überlebt und inzwischen Exil in Chile gesucht hat. Es gibt viele Wünsche. Auch an die lokale Presse, deren Berichterstattung Rolf Nobel „an Belanglosigkeit kaum zu übertreffen“, findet. Er spricht von „visuellem Analphabetismus“, echauffiert sich über in die Kamera gehaltene Schwarzwälder Kirschtorten und laienhaft geknipste Bilder. Lars Reckermann, für den das „unglaublich anmaßend“ klingt, hält ein leidenschaftliches Plädoyer für das Kleine, das Feine, das Regionale, für Geschichten zwischen den Zeilen, aber auch für sein Team, das sechsmal die Woche eine Zeitung herausbringt, statt monatliche Magazine zu produzieren.

„Man muss sich nicht anfeinden. Wir brauchen doch beides“, sagt Alexandru Pasca. Und das ist ein gutes Schlusswort. Es gibt Schreckliches und Schönes auf dieser Welt und vieles dazwischen. Alles sollte Platz haben. Am Ende des Abends ist der tote Botschafter noch immer richtig platziert und das Leben geht woanders weiter.

Welche Bilder haben besonders beeindruckt?


Infos und Hintergrundberichte:   nwzonline.de/wpp-oldenburg 
Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2106
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.