• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

„Kirche am Meer“ verbindet Alt und Neu

26.03.2019

Schillig Bereits von Weitem fällt die katholische St.-Marien-Kirche zu Schillig auf – und das liegt vor allem an ihrer prägnanten Architektur. Denn die Form erinnert je nach Betrachtung an Wellen, einen Fisch oder ein aufgespanntes Segel; Begriffe und Assoziationen, die mit dem Meer verbunden werden. „Doch die Wellen sind anders“, sagt Wolfgang Bruns. Seit rund sechs Jahren ist er Kirchenführer. „Die beiden Kämme streben auseinander – das gab es bislang nur einmal, bei Moses, der das Rote Meer teilte.“ Und so ist gleich die Brücke zur Religion geschlagen.

Der Hooksieler steht gemeinsam mit Michael Winkel, einem der damaligen Ausbildungsleiter, vor der Eingangstür der „Kirche am Meer“. Sie liegt – passenderweise – direkt neben dem hohen, mit Gras bewachsenen Deich. Es ist ein kühler Tag im März, der Wind pfeift um die Ecken. Am grauen Himmel ziehen die Wolken schnell vorbei.

Der 72-Jährige zeigt auf die grau-schwarzen Klinkersteine. „Klinker gibt es überall im Dorf, aber diese hier wurden extra gedämpft“, sagt er. Bei Sonnenschein funkele und glitzere die Fassade. Auch die Decke des Eingangsbereichs ist – draußen wie drinnen – besonders: Sie ist aus einfachem Beton, weist ein natürliches Muster auf und ist bewusst dunkel gehalten. Und: „Das Pflaster von draußen führt in den Vorraum – so werden die Menschen geleitet“, sagt Wolfgang Bruns während er die Glastür öffnet. Drinnen ist es angenehm warm.

Rechts neben der ebenfalls gläsernen Eingangstür zur Kirche hängt ein Votivschiff. „Das ist die ,Ora et labora‘, das Modell einer holländischen Tjarge. Sie hing bereits im Vorgängerbau“, sagt der Kirchenführer, der in der Gemeinde auch als Lektor, Kommunionhelfer und Ministrant tätig ist. Vor rund 110 Jahren kenterte das Schiff vor der Insel Mellum – bis auf den Steuermann starben alle Besatzungsmitglieder. Das Modell erinnere Gottesdienstbesucher an die Verbundenheit der Kirche mit der Küstenbevölkerung.

Votivschiff vor der Tür

Doch normalerweise würden die Votivschiffe in der Kirche hängen, so Wolfgang Bruns. „Dass sie hier draußen sind, erkläre ich, wenn wir in der Kirche sind“, sagt der Kapitän zur See a.D., der 40 Jahre bei der Marine war, und fügt hinzu: „Wenn das Heck zum Altar zeigt und die Segel gesetzt sind, läuft das Schiff aus – wenn der Bug zum Altar zeigt und die Segel eingeholt sind, bedeutet das, dass das Schiff im Heimathafen vor Anker liegt.“

Wolfgang Bruns geht zu der Eingangstür: „Wir treten aus der dunklen Welt in eine neue, helle, andere Welt.“

Der erste Blick in dem hellen, lichten Raum fällt auf das Kreuz, das hinter dem Altar hängt. Das Kircheninnere ist mit seinen weißen Wänden und den weiß lasierten Eichenbänken, die in drei Blöcken und leicht oval verlaufend angeordnet sind, sehr schlicht – und wirkt doch sofort einladend und warm.

Auch seitliche Fenster fehlen vollständig – dafür ist das gebogene Dach verglast und filtert das Tageslicht über die Tragstruktur. „Der Himmel ist über der Gemeinde – und fällt einem in den Schoß“, sagt der Kirchenführer und zeigt nach oben: „Es gibt klares und blaues Glas – wenn die Sonne scheint, wirft sie Streifen auf die Wände, die wie Wellen aussehen und mit der Zeit weiterziehen. Somit hat man auch hier das Motto ,Kirche am Meer‘ verankert“, sagt er und fügt hinzu: „Deswegen hängt das Schiff vorn im Eingangsbereich – hier drinnen würde es stören.“

Und tatsächlich. Die einzigen Verzierungen bilden die zwölf Apostellichter, die an den weiß verputzten Wänden hängen. „Bei den kleinen Kreuzen darunter hat man lange gerätselt, ob man sie wirklich aufträgt“, sagt Wolfgang Bruns, der die Ausbildung zum Kirchenführer bereits 2012/13 absolviert hat. Auch der Kreuzweg ist in der St.-Marien-Kirche nicht vorhanden. Und: „Die Grundform der Kirche ist ein lateinisches Kreuz mit abgerundeten Ecken, sodass der Blick nicht gestört wird“, erklärt er.

Der Kirchenführer nimmt eine kleine Kugel aus seiner Jackentasche, geht zum Gang rechts neben den Bänken und lässt die Kugel auf den Boden aus Muschelkalk fallen. Sie hüpft ein paar Mal auf und ab und rollt dann in Richtung des rund drei Tonnen schweren Altars los, daran vorbei und bleibt schließlich am „Ambo“ liegen, dem Ort zur Verkündigung biblischer Lesungen. „Der Altar ist das Zentrum der Kirche – da läuft die Kugel hin“, sagt Wolfgang Bruns und weist auf den leicht abschüssigen Boden hin. „Normalerweise ist der Altar in einer Kirche erhöht – hier ist das Gegenteil der Fall. Dadurch soll gezeigt werden, wie tief Jesus Christus zu den Menschen hinab gestiegen ist“, sagt der 72-Jährige. Manchmal halte der Pfarrer die Messe direkt am und um den Altar herum ab.

„Jetzt kommt ein bisschen Geschichte“, sagt der Kirchenführer, während er sich auf die Bank in der ersten Reihe setzt. Dabei spielt auch die Eisenbahn eine Rolle, mit der in den Weltkriegen von Hohenkirchen aus die Truppen versorgt wurden. Und natürlich gab es auch einen Lokschuppen – dort, wo sich heute der Parkplatz neben der Kirche befindet. Nach Kriegsende verloren die Bahnanlage und der Lokschuppen ihre Bedeutung – zumindest vorerst.

Lokschuppen als Kapelle

Im Jahr 1945 wurde das „Potsdamer Abkommen“, das Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen regelte, unterzeichnet: In der Folge kamen 300 Heimatvertriebene gemeinsam mit Pfarrer Hugo Springer nach Schillig. „Am 29. Juni 1946, also am Peter-und-Paul-Fest, hat er die erste Heilige Messe in Schillig gefeiert und damit die katholische Gemeinde gegründet“, sagt Wolfgang Bruns. Die Gemeinde hielt ihre Gottesdienste zunächst im DRK-Heim ab. Doch die Einrichtung sollte zu einem Kinderheim umgebaut werden – und wieder wurde nach einem Ort für die Katholiken gesucht.

„Der Pfarrer warf ein Auge auf den Lokschuppen und erwarb schließlich für 75 Mark jährlich die Nutzungsrechte“, erzählt der Kirchenführer. Am 17. Juni 1951 habe Pastor Völkerding aus Lutten die „Marienkapelle“ eingeweiht: „Sie ist sozusagen die Großmutter der heutigen Kirche.“

Als die Kirche zu klein wurde, ließ man 1967 eine neue errichten, die alte St.-Marien-Kirche. Doch wegen des beim Bau verwendeten Kalksandsteins, der den Witterungsbedingungen ausgesetzt war, wies die Kirche nach mehr als 40 Jahren erhebliche Baumängel auf. Auch Dach und Fenster waren sanierungsbedürftig. „Es war ein Fass ohne Boden“, sagt Wolfgang Bruns. So habe man sich dazu entschieden, eine neue Kirche zu bauen. „Das Kölner Architekten-Ehepaar Ilse und Ulrich Königs hat die Ausschreibung gewonnen“, sagt er.

2010 wurde die alte Kirche profaniert, das Abrissmaterial recycelt – und als Fundament für die neue Kirche verwendet. Doch der Bau ging wegen nicht vorhergesehener notwendiger Rammarbeiten und eines strengen Winters nur zögerlich voran. Zwei Winter lang habe die Gemeinde keine Kirche gehabt, sagt Wolfgang Bruns. Wieder musste die Menschen auf andere Kirchen und Räume ausweichen: im Winter in die evangelische St.-Nicolai-Kirche in Schillig, im Sommer in ein Kirchenzelt. Doch trotz der Bauverzögerung seien die Glocken bereits im Mai 2011 geweiht und in den Glockenturm gehoben worden.

„Es war dunkel, windig und es gab ein leichtes Schneetreiben“, erinnert sich Wolfgang Bruns an den 4. Februar 2012, an dem die Weihung der Kirche stattfand. „Die Glocken erklangen und mir lief ein Schauer über den Rücken – so schön klangen sie. Ich bin ganz still geworden.“ Im Inneren der Kirche habe ihn helles Licht empfangen. „Ich habe mir alles ganz in Ruhe angeschaut“, sagt der 72-Jährige und blickt zum ungewöhnlichen T-Kreuz, das vor der weißen Chorwand schwebt. „Es symbolisiert Demut und Reue. Der Korpus ist eine Leihgabe aus dem Museumsdorf Cloppenburg und stammt von etwa 1200. Das Kreuz aus fünf mundgeblasenen Glasplatten von Martin Denzinger“, sagt Wolfgang Bruns. Altes treffe auf Neues. „Die Farbe gibt die Bodenstruktur des Wattenmeeres wieder und dazu gibt es noch Muschelabdrücke im Glas – wieder haben wir die ,Kirche am Meer‘.“

Orgel ist „Glücksfall“

Die Verbindung von Altem und Neuem setzt sich auch beim Tabernakel fort, das aus der alten Kirche stammt. „Es wurde nur leicht bearbeitet.“ Und auch in der links abgehenden Marienkapelle findet sich ein altes Stück, das seinen Weg in die neue, moderne Kirche gefunden hat: die thronende Muttergottes, die sich um 1300 datieren lasse – eine weitere Leihgabe des Museumsdorfs Cloppenburg.

Modern ist indes das Beichtzimmer, das eine Glastür hat. Sie sei ein „Zugeständnis“, das auf die Vorkommnisse in der katholischen Kirche zurückzuführen sei, sagt Wolfgang Bruns, während er langsam in Richtung Ausgang geht. Denn ein wichtiger Teil fehlt noch: die Orgel. „Sie ist ein Glücksfall – eine Fleiter-Orgel, die vorher in der Kirche St. Ludger in Waltrop stand und nach der Kirchenauflösung erworben wurde.“ Und auch sie ist besonders: „Sie hat einen französisch-romantischen Klang – hier oben im Norden ist das ein Unikat“, sagt der ehemalige Kapitän zur See und fügt hinzu: „Ich fühle mich hier unglaublich wohl.“ In seiner „Kirche am Meer“.

Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2051
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.