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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Streifzüge eines Suchenden

13.09.2014

Oldenburg /Hamburg Im 26. Kapitel, dem zentralen seines neuen Werkes in „51 Geländegängen“, stellt der in Oldenburg lebende Schriftsteller Jochen Schimmang apodiktisch fest: „Souverän lässt sich nur ein Feld erschließen, das man jederzeit auch wieder verlassen kann.“

Den Erzähler schreckt nichts mehr als die Vorstellung, eingesperrt zu sein. Der erzählende Essay führt vor allem an Grenzen, Ränder und in Niemandsländer. Diese in gelassen-entspannter Tonart geschriebenen Geländegänge des in Northeim und Leer Aufgewachsenen sollten so gelesen werden, als ob der Leser mit in ein offenes Gelände ginge. Obwohl in etwa chronologisch aufgebaut, lässt sich das Werk auch in beliebig anderer Reihenfolge lesen, denn die Geländegänge selbst verdanken sich dem Zufall.

Zuerst geht es auf Dachböden und in Löcher unter dem Bahndamm, später an die deutsch-niederländische Grenze, auf einen Schrottplatz im Ruhrgebiet und durch traumatisierende Industrieruinen in Lothringen.

Die Faszination für die Ränder, die durchaus nicht verklärt, sondern auch als gefährlich und angsteinflößend beschrieben werden, resultiert aus einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber der Mitte: „Die Mitte hat zweifellos immer ein bisschen was Obszönes, mit ihrem Leuchten, Locken, Prunken und Prahlen, mit den Sehnsüchten, die sie weckt.“ Das ist nicht nur ein ästhetisches, sondern mindestens ebenso ein politisches und moralisches Verdikt.

Die zufälligen Geländegänge in geschliffenen Notizen verdichten sich zusehends hin auf eine Geopolitik des Individuums. Welche öffentlichen und sozialen Räume bleiben in einer Leistungs- und Disziplinargesellschaft? Das wird nicht theoretisch verhandelt, sondern veranschaulicht an Erlebnissen im englischen Bergbaugebiet zur Zeit der Thatcher-Ära. Oder anhand einer eindringlichen Schilderung, welche Wirkung selbst für einen Besucher der Eintritt in Gefängnisse hat, der doch weiß, dass er nach wenigen Stunden wieder in Freiheit sein wird.

Dreimal war Jochen Schimmang bei Peter Handke in Chaville. Er ist so etwas wie das Zentralgestirn von Schimmangs vielfältigen literarischen Geländegängen. „Wir sprachen über alles Mögliche, am wenigsten über ihn selbst … Über die Niemandsbucht verloren wir beide kein Wort, aber ich verstand bereits damals, dass sein Glück mit diesem Leben am Rand zu tun hatte.“ Natürlich lernen wir auch etwas über den berühmteren Schriftstellerkollegen, über charakterliche Stärken und Schwächen, aber all das ist nur ein neuerlicher Aufhänger, des Menschen Auseinandersetzung mit seinem Raum, seiner Umgebung, seinem Außen, zu thematisieren.

Denn überschreite ich Grenzen, seien es staatliche, soziale, sprachliche oder kulturelle, komme ich auch als Subjekt schnell an meine Grenzen. Ich bin unsicher, ich verstehe nicht, ich verstehe falsch, ich bin allein. Woher also, gerade als Randständiger, das Glück nehmen? In den Geländegängen scheint, häufig unverhofft, das Glück auf, momenthaft zwar, aber immerhin. Eigentlich sind die 51 Geländegänge die Nachricht von einem, der auszog, das Glück zu suchen.

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