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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Suche nach dem verschwundenen Dorf

18.01.2012

WAHN Theorie und Praxis klaffen mitunter auseinander, und so kam es, dass am 16. Oktober 1916 auf dem Kruppschen Versuchsschießplatz mal wieder eine Granate ihre errechnete Flugbahn verließ und Wahn erreichte. Sie durchschlug das Dach des Pfarrhauses und krepierte in einem Aktenschrank, die Splitter zerschrammten dem Pastor das Gesicht. Aber Pfarrer Barenkamp (1861–1919) war ein kaisertreuer Mann; „alles halb so schlimm“, befand er, Artillerieübungen müssten ja sein.

Er ahnte nicht, dass 25 Jahre später sein ganzes Dorf in Schutt und Asche liegen würde – zerstört nicht durch weiteren Mörserbeschuss, sondern durch einen Dreizeiler im Reichsgesetzblatt.

Alle mussten gehen

„Gehen wir zur Kirche“, schlägt Wilhelm Masbaum vor, er zeigt auf ein paar kahle Linden. Der Weg führt über schiefes Findlingspflaster, „der alte Kirchplatz“, sagt Masbaum, dann steigt er drei bemooste Steinstufen empor. „Das hier“, erklärt er ein bisschen feierlich, „ist der Dom des Hümmlings!“

Es war viel Gras über die Sache und über Wahn gewachsen in den vergangenen 65 Jahren, ach was: Kastanienwurzeln, Dornensträucher, ein halber Wald. Darunter und dazwischen lagen die Steine der Antoniuskirche, „mit einem Spaten“, stellte Masbaum 2006 fest, „ist da nichts zu machen“. Er ließ Suchgräben ausheben, ein großer Bagger kam, Masbaum selbst investierte mindestens 1000 Arbeitsstunden, andere Freiwillige halfen. So wurde er plötzlich wieder sichtbar, der Dom des Hümmlings, auch wenn er jetzt nur noch kniehoch war.

Da erkennt man im Westen den Haupteingang, im Süden den Nebeneingang, im Osten den Altarraum, im Norden die Marienkapelle, und sogar das feine Mosaik in der Kapelle kann man nun sehen, das vorher nie jemand sah. „Da lag nämlich ein Teppich, haben mir die alten Wahner erzählt“, sagt Masbaum und lacht stolz.

Masbaum, 69 Jahre alt, ist sozusagen selbst ein alter Wahner, „ich wurde hier ja gezeugt“, sagt er. Den Teppich in der Kirche konnte er aber nie sehen, er wurde im April 1942 in Sögel geboren. Dorthin waren seine Eltern im Oktober 1941 umgesiedelt, als sie das Dorf verlassen mussten.

Wahn war schon fast 900 Jahre alt, als auf dem Schießplatz Meppen am 5. September 1877 der erste Schuss fiel. Die Firma Krupp testete dort Kanonen, sie schossen weiter und weiter. 1917, nach dem Granatentreffer im Pfarrhaus, bekannte die Schießplatzverwaltung, Wahn sei ihr ein „Dorn im Auge“; der Übungsplatz müsse erweitert werden. Eine Kommission, zu der auch Pfarrer Barenkamp zählte, sollte mit den Behörden über eine mögliche Enteignung der Wahner verhandeln.

Aber Deutschland verlor den Ersten Weltkrieg, im Dorf kehrte wieder Ruhe ein. Die Antoniuskirche von 1746 wurde umgebaut zum „Dom des Hümmlings“, 37 Meter lang und 652 Sitzplätze groß. 1931 wurde ein neuer Kirchturm fertiggestellt.

Und dann kamen die Nazis.

Ersatzsiedlung gebaut

Nach einem Besuch auf dem Schießplatz im Jahr 1936 befahl Adolf Hitler: Wahn muss weg. Eines der größten Dörfer im Emsland – es gab eine Molkerei, ein Sägewerk, vier Gaststätten und einen Bahnhof – war Geschichte, 1007 Einwohner mussten ihre Heimat verlassen.

Jede Familie bekam als Ausgleich zwei Hofstellen angeboten, sie durfte wählen. Die meisten der 177 Familien zogen in nahe gelegene Orte wie Sögel und Lathen oder nach Rastdorf, wo Zwangsarbeiter eigens eine Ersatzsiedlung bauen mussten. Einige gingen auch nach Schlesien, mit dem Ende des zweiten Weltkriegs verloren sie ein zweites Mal ihre Heimat.

„Insgesamt wurden die Wahner auf 67 Stellen verteilt“, sagt Heiner Schüpp, der Kreisarchivar des Emslandes: „So wurde gleich auch jeder mögliche Widerstand zerschlagen.“

Der 57-jährige Historiker sitzt in seinem Büro an der Meppener Herzog-Arenberg-Straße, an der Wand hängen alte und neue Landkarten, im Regal stehen Bücher mit Titeln wie „Niedersächsische Geschichte“ oder „Das Emsland: Geschichte, Geografie, Gegenwart“. Er sagt: „Es gibt im Emsland seit Jahren das Konzept der sogenannten Erinnerungsorte, und da haben wir uns natürlich lange mit den ehemaligen Konzentrationslagern beschäftigt. Aber die Nazis haben auch normale Bürger bedrängt.“ Wahn sei dafür ein konkretes Beispiel: „Mit einem Federstrich“, sagt Schüpp, „wurde ein ganzes Dorf ausradiert!“ Ein Dreizeiler im Reichsgesetzblatt verkündete die Auflösung der Gemeinde Wahn.

Mehr als 800 Wahner quetschten sich 1942 zum Abschiedsgottesdienst in die Antoniuskirche, anschließend wurde die Kirche entweiht und abgerissen, der Rest des Dorfes folgte. Nur der Friedhof und das Kriegerdenkmal aus dem Ersten Weltkrieg blieben in Wahn erhalten.

Die Wahner seien zwar großzügig entschädigt worden für ihren materiellen Verlust, räumt Historiker Schüpp ein, Heimatvertriebene blieben sie dennoch. „Dass es so etwas gab, daran soll die Dorfstelle Wahn erinnern.“

Wer die Landestraße 53 von Sögel nach Lathen fährt und dann Richtung Renkenberge abbiegt, sieht links den Wahner Gedenkstein stehen, dahinter liegt der Friedhof. 20 Meter hohe Bäume frieden ihn ein, „das ist die alte Hainbuchenhecke“, sagt Wilhelm Masbaum lächelnd. Auf dem Feld dahinter steht ein Beobachtungsbunker.

Rechts warnt ein Schild: „Militärischer Bereich“ steht darauf, „unbefugtes Betreten während der Sperrzeiten ist verboten“. Die Bundeswehr hat den Schießplatz 1957 übernommen.

Geduldet, nicht gewollt

Masbaum, der in Oldenburg Bauingenieurswesen studierte und später beim Landkreis Emsland arbeitete, sammelte 60 000 Euro und grub mit Unterstützung der Heimatvereine Sögel, Lathen und Rastdorf hinter dem Warnschild seit 2006 die Reste der Antoniuskirche wieder aus, er legte einen zwei Kilometer langen Rundweg an, er stellte Stelen auf, die mit alten Fotos an die Hofstellen und ihre Bewohner erinnern.

Mehr geht nicht, „vor allem buddeln nicht“, sagt Peter Ubbenjans, stellvertretender Leiter der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen: Blindgängergefahr. Auch feste Bauten zum Gedenken, womöglich teuer, dürften nicht entstehen, „wir schießen da schließlich immer noch“. Ubbenjans, 61 Jahre alt und selbst Emsländer, stellt klar: „Die Gedenkstätte ist von uns geduldet, aber nicht gewünscht. Massentourismus wollen wir da nicht haben.“

Das ist die Theorie, die Praxis sieht so aus: Zum ersten Gottesdienst in der frisch ausgegrabenen Antoniuskirchenruine kamen 2007 wieder 800 Menschen. Seither hat Wilhelm Masbaum Holzbänke aufgestellt, „für die Bus-Touristen“, sagt er, „es gibt so viele Anfragen“.

Er steht auf dem Findlingspflaster und lächelt: Die alten Wahner mögen inzwischen fast alle tot sein, aber vergessen ist ihr Dorf noch lange nicht.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020

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