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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Nur weg aus dem Land der Täter

02.07.2019

Upjever Am Beginn der Recherchen stand eine Anfrage von Militärhistorikernan das Schlossmuseum Jever. Bundeswehrangehörige, die sich um dieDokumentation der Geschichte des Bundeswehrstandorts kümmern,wollten wissen, ob ein bestimmtes Gebäude auf dem Fliegerhorst zumdamaligen Lager für Displaced Persons gehörte (Displaced Personsoder DPs waren ehemalige Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene, dienach ihrer Befreiung teilweise jahrelang in Deutschland lebten). EinLager für Displaced Persons in Upjever? Kaum jemand erinnert sich andie Existenz eines solchen Lagers. Ein Fall für den HistorikerHolger Frerichs (61), damals Mitarbeiter des Schlossmuseums Jever.

Frerichs begann seine Recherche und dokumentierte eine weithinvergessene Episode deutscher Geschichte in einem jetzt imIsensee-Verlag erschienenen Buch („… ein bemerkenswertes Kapitel desjüdischen Überlebens. Das Lager für Displaced Persons in Upjever(Friesland) 1950/51“).

Ghetto und Lager

Tatsächlich bestand auf dem ehemaligen Militärflugplatz in Upjever(der bei Jever liegt, aber zur Stadt Schortens gehört) eine Zeitlang ein Lager für Überlebende des Holocaust. Sie waren nach derAuflösung des DP-Camps in Bergen-Belsen nach Upjever umgesiedeltworden. Auch zu ihrer Geschichte hat Frerichs recherchiert – mitUnterstützung der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten inBergen-Belsen.

Mit dem Namen Bergen-Belsen verbindet man die Gräuel desKriegsgefangenen- und Konzentrationslagers, wo allein in den erstenMonaten des Jahres 1945 dort 35 000 Menschen an Hunger undKrankheiten starben. Nach der Befreiung des Lagers im April 1945durch britische Soldaten wurde dort ein Camp für die Überlebendeneingerichtet, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und zivileZwangsarbeiter. Ab Sommer 1946 wurde dort das größte jüdische Campin Deutschland eingerichtet mit Überlebenden aus Bergen-Belsen undanderen Konzentrationslagern. Bis 1950 lebten dort bis zu 12 000Personen. Es gab eine politische Vertretung, kulturelle und sozialeEinrichtungen. Die allermeisten der dort lebenden Juden wolltenDeutschland und Europa schnell verlassen. Viele wollten nachPalästina, was wiederum die britische Mandatsmacht zu verhindernsuchte. Bis 1950 hatten die meisten Bewohner das Lager verlassen,dazu hatte die Gründung des Staates Israel und die Lockerung derEinwanderungsbestimmungen in andere Staaten beigetragen. Dieverbliebenen Bewohner – oft kranke oder nicht reisefähige Bewohner –wurden nach Upjever in Friesland verlegt. Auf einem Teil desMilitärflugplatzes entstand dort für ein Jahr (bis August 1951) einejüdische Siedlung.

Archive ausgewertet

Buchautor Holger Frerichs hat über das Lager in Upjever eine – mandarf bei ihm sagen: gewohnt gründliche – Studie vorgelegt, für dieer das Material (Akten der friesländischen Kreisverwaltung,Zeitungsberichte, Archivalien aus Yad Vashem, aus dem NationalArchives/Großbritannien und der Gedenkstätte Bergen-Belsen)auswertete. Die unterschiedlichen Interessen (militärische Nutzungdes Geländes; Behelfsunterkünfte für die Tausenden von Vertriebenenin den Nachbargemeinden Jever und Schortens) sind Thema wie auch dieBedingungen für eine Emigration der Bewohner.

Was aber den besonderen Lesereiz ausmacht, das sind die Biografiender Bewohner, von denen Frerichs eine Reihe aufwendig recherchierthat. Zu Beispiel das Schicksal des jüdischen Ungarn Josef Brust undder jüdischen Rumänien Martha Klüger, die sich nach Odyssee durchGhettos und Konzentrationslager in Bergen-Belsen kennenlernten unddort – wie Tausende Überlebende – heirateten.

Nicht alle emigrierten

Die Bemühungen der Brusts um eine Auswanderung scheiterten ausgesundheitlichen Gründen. Sie wollten wie fast alle DP-Bewohner inUpjever weg aus dem Land der Täter. Als an Tuberkulose Erkrankteerhielten sie keine Erlaubnis, nach Israel zu emigrieren. „Die Türstand nicht für jeden offen“, resümiert Frerichs das Schicksal derbeiden Holocaust-Überlebenden.

Als Staatenlose lebten sie nach der Schließung von Upjever ineiner TBC-Heilstätte, schließlich in München. Es gibt auch Quellenwie die Erinnerungen von Siegfried Gutermann, der 1950 in Upjevergeboren wurde, als eines der zahlreichen Kinder von Überlebenden. InUpjever wurden mehr als 30 Kinder geboren. Eines dieser in Upjevergeborenen Kinder will übrigens ein Treffen arrangieren.

Es sind diese lesenswerten Biografien, die das Leid der Überlebendendes Holocaust noch einmal deutlich werden lassen. Sie haben eineZeit lang in Friesland mitten unter uns gelebt, das so fern von denGräueln der Judenvernichtung lag – und doch so nah.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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