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NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Vor aller Augen unterm Dach versteckt

09.11.2016

Jever Dass sich auf dem Dachboden des Concerthauses Jever einst Juden versteckt hielten – das ist in der Stadt bis heute bekannt. Doch dass dieses Versteck noch existiert, haben die Mitglieder des Arbeitskreises Gröschler-Haus, Zentrum für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region, erst vor einem knappen Jahr entdeckt. „Das ist einzigartig in Niedersachsen“, sagt Professor Dr. Antje Sander, Leiterin des Schlossmuseums Jever.

Das Versteck sei weitgehend im Originalzustand erhalten, haben Hartmut Peters und Holger Frerichs vom Arbeitskreis festgestellt. Es soll in die Reihe der „Erinnerungsorte in Friesland“ aufgenommen werden. Dieses kreisweite Projekt will anhand bedeutsamer Orte die Zeitgeschichte erfahrbar machen.

In der linken hinteren Dachboden-Ecke des ab 1882 als Gesellschaftshaus und später als Kino genutzten Gebäudes trennt eine Bretterwand zwei Kammern ab. Dort hielt Adolf Hirche (1901 bis 1981) von Oktober 1943 bis Januar 1944 seine Frau Erna (17. April 1893 bis 2. Juni 1959) und seine Tochter Eva (15. Juni 1933 bis 5. Januar 2016) versteckt. Erna Hirche war Jüdin, die Ehe der Hirches wurde als „Mischehe“ diffamiert, Adolf Hirche, evangelisch-lutherisch getauft, galt als „jüdisch versippt“. Tochter Eva, ebenfalls getauft, war „Mischling 1. Grades“ oder „Halbjüdin“.

„Arisch verheiratete Frauen und ihre Kinder hatten in der NS-Zeit einen anderen Status als andere Juden: Sie waren besser geschützt. Und dennoch drohte ihnen die Vernichtung – sie wussten nie, was Sache ist“, erklärt Hartmut Peters den Hintergrund. Als Jevers Juden im März 1940 vertrieben wurden, durfte Erna Hirche bleiben. Doch als es in ihrem Haus brannte, wurde sie der Sabotage angeklagt – im Obergeschoss befand sich ein Büro der Flugabwehr. Wegen angeblicher Brandstiftung – später stellte sich heraus, dass es sich um einen Brandanschlag handelte – wurde Erna Hirche zu achteinhalb Monaten Haft verurteilt. Ihr Mann musste ausziehen, die Tochter kam zu Verwandten in Hamburg.

Nach ihrer Freilassung ging Erna Hirche in die Verborgenheit, lebte in Verstecken in Hamburg und ab August 1943 nach den Luftangriffen unter falscher Identität mit ihrer Tochter mehrere Wochen in Oldenburg. Doch die Tarnung flog auf, Erna Hirches Suizidversuch endete im Oldenburger Krankenhaus. Sie floh und schlug sich mit Eva nach Jever zu ihrem Ehemann durch.

Der versteckte sie im Bretterverschlag im Concerthaus, wo er als Filmvorführer arbeitete. „Es gab mehrere Helfer, die die Familie mitversorgten und schützten – sonst wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Volker Landig.

Offiziell bekannt wurde der Aufenthalt Erna Hirches Anfang 1944: Am 5. Januar meldete sie sich offiziell bei der Stadt Jever an – „offenbar hatte die Familie den Eindruck, die Lage sei für sie sicher“, meint Holger Frerichs. Zudem sei sie nach dem Hungerwinter dringend auf Lebensmittelkarten angewiesen gewesen – und die gab es nur für amtlich gemeldete Personen.

Doch die Hirches täuschten sich: Im Oktober 1944 wurde Adolf Hirche als „jüdisch Versippter“ als Zwangsarbeiter zunächst nach Bremen-Farge, dann nach Lenne/Westfalen verschleppt. Frau und Tochter blieben allein zurück und waren erneut auf Hilfe angewiesen. „Sie lebten sehr zurückgezogen und allein auf dem Dachboden“, sagt Landig. Und dann erhielt Erna Hirche Anfang Februar 1945 die Ankündigung ihrer Deportation nach Theresienstadt. Erneut versuchte sie, sich selbst zu töten: Sie schnitt sich die Pulsadern auf – wurde jedoch entdeckt.

Erna Hirche wurde „auf Veranlassung des Landrates zu Jever“ ins Landeskrankenhaus Wehnen eingewiesen – und dort erwartete sie der sichere Hungertod. Tochter Eva wurde bei einer jeverschen Familie untergebracht.

Doch Erna Hirche überlebte: Ihr Mann Adolf, nach Befreiung des Arbeitslagers durch die Alliierten im April 1945 auf freiem Fuß, holte sie in Wehnen ab. Da wog seine halb verhungerte Frau nur noch 35 Kilogramm. Am 28. April 1945 hatten der Landrat Jevers und die Geheime Staatspolizei Wilhelmshaven ihre Zustimmung dazu erteilt.

Die Hirches wohnten bis 1959 in Jever. Nach dem Tod seiner Frau zog Adolf Hirche nach Israel, wo Tochter Eva seit 1957 lebte. „Die Geschichte der Hirches war in Jever immer bekannt: Alle kannten Adolf Hirche als überragenden Tüftler und seine Frau natürlich ebenfalls“, sagt Volker Landig. Deshalb sei das Dachbodenversteck auch ein besonderer Erinnerungsort.

Melanie Hanz Agentur Hanz / Redaktion Jever
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