• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Markt
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Events
  • Tickets
  • nordbuzz
  • FuPa
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur Weser-Ems

Wer profitierte von den ganzen Nazi-Morden?

23.08.2016

Wehnen /Oldenburg /Cloppenburg 26. Juli 1943, die 19-jährige Sofia Sumara, Zwangsarbeiterin in der Kammgarnfabrik, wird in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen eingeliefert; sie „tobt und lärmt“, so notieren es die Ärzte auf ihrem Krankenblatt.

25. März 1944: „Ein langsamer körperlicher Verfall schreitet seit Wochen langsam aber sicher fort.“

15. September 1944: „Am heutigen Tage verstorben an den Folgen einer allgemeinen Herz- und Kreislaufschwäche.“

Mehr als 1500 Tote

Dr. Ingo Harms hat hunderte solcher Krankenblätter ausgewertet. Fast immer waren ihre Eintragungen „nachträglich in einem Zug mit Schreibmaschine“ erfolgt. Und fast immer stand am Ende, nach einem „körperlichen Verfall“, die Todesursache „Herz- und Kreislaufschwäche“. Harms, Historiker an der Universität Oldenburg, wollte wissen: Wie konnte es sein, dass körperlich stabile Menschen wie Sofia Sumara innerhalb weniger Monate starben?

Die Ergebnisse seiner Forschung, veröffentlicht erstmals Mitte der 90er Jahre, schockierten die Öffentlichkeit: Mindestens 1500 Patienten der Anstalt in Wehnen waren sogenannte Euthanasie-Opfer des Nazi-Regimes. Sie starben den Hungertod; Ärzte und Pfleger hatten ihnen zu wenig zu essen gegeben.

Aber Harms wollte nicht nur wissen, wer wann und warum in Wehnen starb. Er wollte auch wissen, wer die Täter waren – und ob es Profiteure gab dieses Systems der „Hungermorde“, wie er sie nennt. Fast 30 Jahre nach Forschungsbeginn liegen nun neue Ergebnisse in Buchform vor. Demnach ging es bei den Hungermorden nicht allein um die Auslöschung von „erbbiologisch unwertem Leben“, wie es im Nazi-Jargon hieß – es ging auch um Geld. Und der größte Nutznießer war das Museumsdorf Cloppenburg, so lautet Harms’ steile These.

Verwaltet wurde die Heil- und Pflegeanstalt vom Landesfürsorgeverband, dem Vorgänger des Bezirksverbands Oldenburg. Als 1933 das oldenburgische „Gesetz zur Vereinfachung und Verbilligung der öffentlichen Verwaltung“ in Kraft trat, bekam der Landesfürsorgeverband „unbeschränkte Vollmacht“, sagt Harms: „Das Gesetz gestattet dem Verband, die Gelder nach eigenen Gutdünken zu verwenden.“

Die Gelder: Landkreise und Städte zahlten pro Patient ein Pflegegeld. Der Landesfürsorgeverband kürzte den Satz von 3,25 Reichsmark auf 1,85. Von den 1,85 Mark sparte der Verband weitere 40 Prozent ein. Den Profit erwirtschaftete er, in dem er „die Nahrungsmittelversorgung so dramatisch reduziert, dass die Patienten anfangen zu sterben.“

Harms zufolge hatte das zweierlei Folgen: Erstens hatten Kreise und Städte mehr Geld zur Verfügung, weil sie weniger ausgaben. Zweitens konnte der Fürsorgeverband Vermögen erwirtschaften.

Das Gesetz von 1933, „Verbilligungsgesetz“ genannt, zielte laut Harms unter anderen auf den Zweck, mehr Geld in die Kulturförderung stecken zu können.

Millionen eingespart

In seiner Studie listet Harms akribisch Einnahmen und Ausgaben auf. So kann er beispielsweise Carl Ballin zitieren, den Vorstand des Landesfürsorgeverbandes, der bereits 1941 schrieb: „Durch die Senkung der Pflegesätze sind der öffentlichen Fürsorge im Lande Oldenburg bisher schon fast zwei Millionen Reichsmark gespart worden.“

An anderer Stelle führt er die steigenden Zuschüsse des Landesfürsorgeverbandes an das Museumsdorf Cloppenburg auf. Gesamtleistungen 1940 bis 1945: 112 500 Reichsmark. 1944 übernahm der Verband das Museumsdorf vollständig. Tausende Reichsmark investierte auch der Landkreis Cloppenburg in das Museumsdorf – laut Harms Geld, dass er durch die Einsparungen bei den Pflegegeldern mehr in der Kasse hatte.

Ist es zulässig, das Sterben in den Anstalten direkt in einen Zusammenhang mit den Ausgaben für das Museumsdorf zu setzen?

Harms geht sogar noch weiter: Am Ende des Krieges hatte der Landesfürsorgeverband ein Vermögen von 7,6 Millionen Reichsmark angehäuft. Für Harms ist das Vermögen „toxisch“, also giftig – und er fragt, inwieweit das Museumsdorf, das bis 1961 in Trägerschaft des Verbandes stand, von diesem giftigen Vermögen profitierte.

In Cloppenburg und beim Bezirksverband in Oldenburg kommen Harms’ Interpretationen nicht gut an. „Schlicht falsch“ nennt Prof. Dr. Uwe Meiners, Leiter des Museumsdorfes, die Behauptung, das Museumsdorf sei größter Nutznießer des Systems gewesen. Und Frank Dieckhoff, Geschäftsführer des Bezirksverbandes, sagt: „Die Thesen, die Herr Harms aufstellt, sind bis heute nicht belegt.“ Unabhängig davon wolle man sich der Vergangenheit stellen, so Dieckhoff. „Dass die Kultur in irgendeiner Weise von der schlechten Versorgung der Patienten profitierte, steht außer Frage“, sagt auch Museumsdirektor Meiners. Er wirbt aber darum, die Fälle „differenzierter zu betrachten“.

Bezirksverband, Museumsdorf und Oldenburgische Landschaft haben mit der Universität Oldenburg eine eigene Untersuchung zum Thema begonnen, deren Ergebnisse Anfang 2017 vorliegen sollen. Ursprünglich hatte auch Ingo Harms Bezirksverband und Museumsdorf als Unterstützer für seine Forschung gewinnen wollen. Er meint, weil er „Namen nenne“, sei das Interesse schnell abgeflacht. Frank Dieckhoff sagt, „wir haben uns für jemand anderen entschieden“.

Harms hat seine Studie nun im Auftrag des Gedenkkreises Wehnen und des Fördervereins Fluchtmuseum erstellt; die Forschung sei „ehrenamtlich“ erfolgt. Seine Schlussfolgerungen folgten einer „klaren Indizienkette“.

Forschung geht weiter

Tatsächlich nennt er explizit zahlreiche Täternamen, Ärzte, Politiker, Verbandsvorsitzende. Auch mit den Landräten und Oberbürgermeistern jener Jahre geht er scharf ins Gericht. Sie hätten das in Oldenburg entwickelte System der Hungermorde mitgetragen: Als Mitglieder des „Ausschusses“, sozusagen des Aufsichtsrates des Landesfürsorgeverbandes, hätten sie die Verbrechen „beaufsichtigt“.

Fertig ist Harms mit dem Thema NS-Euthanasie noch lange nicht. Er will weiterforschen: Noch längst nicht alle Begünstigten der Pflegegeld-Einsparungen seien genannt – und jüngste Hinweise deuteten darauf hin, dass das System der Hungermorde vom Oldenburger Land in die Niederlande importiert worden sei.

Weitere Untersuchungen kündigt auch Frank Dieckhoff an. „Aber vor allem geht es doch um die Menschen“, sagt er. Um Menschen wie Familie Sumara: Monatelang bettelte Josef, der Vater von Sofia, um die Entlassung seiner Tochter. Die Ärzte lehnten jedes Mal ab, „wegen des augenblicklichen psychischen Zustands“.

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020