Wesermarsch/Warfleth - Nina Tichman (69) stammt aus New York, lebt und lehrt in Köln, ist international erfolgreiche Pianistin und liebt die Klaviermusik von Franz Schubert. In einem vierteiligen Konzertzyklus möchte sie alle elf fertiggestellten Klaviersonaten von Schubert in der Konzertkirche Warfleth vorstellen. In einem ersten Anlauf spielte sie die Sonaten D 568, D 958 und D 894.

Nina Tichmans Schubert ist ein gemäßigter und temperierter Schubert. Die langsamen Sätze bestechen durch eine feinfühlige Zurücknahme, sie sind genauestens ausgehorcht. Einzelne Taktblöcke entwickelt sie aus einer melodischen Zelle analog einem organisch wachsenden Lebewesen. Die eher virtuose und gebremste Herangehensweise verschluckt ein wenig das, was an Schubert aggressiv, wild und brutal ist. So klang das Menuett der c-Moll-Sonate D 958 keineswegs grotesk, sondern eher wunderlich. Hier wurde der an Beethoven gemahnende Zaunpfahl c-Moll schlicht ignoriert. Mag auch Schubert der Lieblingskomponist von Nina Tichman sein, bei all den stupenden technischen Mitteln und dem Ausdruckswillen erinnerte die Wiedergabe der Es-Dur-Sonate D 568 passagenweise an das Interpretationsrepertoire für ein Chopin-Recital.

Nach dem enthusiastisch gefeierten Ende des Konzerts nahm sie das Mikrofon in die Hand und versuchte zu erläutern, warum sie die Wiederholungen in Schuberts Partituren ignorierte. Viele Zuhörer mögen das gar nicht bemerkt haben. Aber das sei, so Tichman, durchaus bei Interpreten üblich.

Sie zitierte den Pianisten und Komponisten Busoni, für den jede Aufführung immer schon eine Transkription ist. Das Original ist die Partitur, die still gelesen sein will, so wie wir auch Gedichte lesen. Während fast alle Menschen des Lesens fähig sind, ist es bei Partituren anders: Darum darf man sich den Interpreten als eine Art Vorleser vorstellen. Und dann stellt sich die grundsätzliche Frage: Ist der Musiker nur das zur absoluten Werktreue verpflichtete dienende Medium oder ist er ein Interpret, der sich mit einem unverkennbaren Personalstil in Szene setzen muss?

Tichman machte die Probe aufs Exempel: Sie spielte das „Molto moderato e cantabile“ aus der G-Dur-Sonate D 894 noch einmal, diesmal mit den von Schubert notierten Wiederholungen. Das, was Robert Schumann schwärmerisch „die himmlischen Längen“ in Schuberts Spätwerken nannte, das wurde jetzt hörbar und erlebbar.