WESTERSTEDE - Manchmal schwingt sich die Musik von Jean Francaix in ihrer Klarheit bis in den Himmel. Bei allem Charme hat der Franzose aber gern Bodenkontakt gehalten. „Die spielen meine Musik so schön, wie Boris Becker Tennis spielt”, hat der 1997 verstorbene Komponist einmal einem Ensemble bescheinigt. Man hätte ihm gegönnt, auch die Formation des „Musikalischen Sommers in Ostfriesland” beim Gastspiel in Westerstede mit seinem Quartett von 1994 zu erleben. Es ist für Klarinette, Bassetthorn, Bassklarinette und Klavier geschrieben.

Dimitri Ashkenazy, Igal Levin, Ryanne Hofmann und Iwan König nehmen mit einer Mischung aus ausgelassener Spielfreude und Präzision die Hörer in der gut besetzten St.-Petri-Kirche gefangen. „Musique sérieuse sans gravité” zu schaffen, war das Credo des Franzosen, ernsthafte Musik ohne schürfenden Tiefgang. Das machen die Vier mit links. Aber sie kratzen mit lächelnder Unbefangenheit trotzdem an der Oberfläche. Siehe da: Es offenbart sich Ironie, es legt sich ein Hauch von Herbst über alle Grazie.

Leos Janaceks herausfordernde Violinsonate bleibt hingegen etwas neutral im Raum stehen. Inmitten zartem Andeuten und brutalem Dreinfahren des Werks aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg steht die junge Geigerin Valerie Leopold unentschieden zwischen Distanz und Hingabe. Pianist Peter Barcaba setzt eher auf formsichere Gestaltung als auf draufgängerischen Mut. So bleiben berührende Teile, wie die weit gesponnene Gesangslinie im zweiten Satz oder der in der Violine so treffend knapp gezeichnete Abgesang, etwas isoliert.

Antonin Dvoraks Serenade d-Moll erreicht mit den neun Bläsern, Cello und Kontrabass des Musiksommer-„Elferrats” brahmssches Format. Vordergründig altertümlich im Bild einer marschierenden Kapelle zum Eingang mag sich die Musik geben, altväterlich im als Menuetto getarnten Ländler. Doch ist die Sache der Oboen, Klarinetten, Fagotte und Hörner nicht. Ihr Spiel ist höchst lebendig, kultiviert, aber nie profillos glattgeschliffen. Da sprüht der Humor, da steppt der Kontrapunkt, da sonnt sich die Melodie.

Der letzte Ton schwebt noch zum genussreichen Nachklang davon, da springen vorn die ersten Zuhörer auf. Stehende Ovationen sind in Mode. Man demonstriert derzeit gern, dass man die Besonderheit des Augenblicks erkannt hat und zu würdigen weiß. Doch zugegeben: Es war ja wirklich klasse!