WESTERSTEDE - In seiner 1. Sinfonie inszeniert Gustav Mahler – der viel Belesene, weit Denkende – die schreckliche Absurdität des Lebens als „menschliche Komödie“ quasi aus der Erinnerung heraus: Am Anfang war reine Unschuld, völliges Einssein mit der Natur. Zart zelebrieren Streicher das A als nicht enden wollenden Liegeton, über dessen Flageolett-Flirren endlich Vogellaute aufsteigen, sich verdichten zum Jubel über diese „schöne Welt, schöne Welt“. Forsch nehmen die „Tage der Jugend“ Fahrt auf, eine Fahrt freilich, die bald zu kippen droht: man tanzt, man stampft, wird schneller, alles dreht sich. Dann die Zäsur, mitten im Leben, ein Blitz aus hellgelbem Himmel. „Bruder Jakob, schläfst du noch?“, fragt ein Trauermarsch ergreifend.
Doch ein Zuviel an Rührung vermeidet Mahler, indem er Tanzmusik persifliert, Klezmer einstreut und andere makabre Lustigkeitsschnipsel, lesbar als Erinnerungsfetzen, die das Elegische spannungsreich zuspitzen. Zuspitzen hin zum fulminanten Finale, diesem Musik gewordenen „Aufschrei eines verwundeten Herzens“: Becken, Pauken und Gongs schlagen, fragen „Warum?!“, Blech walzt und wummert wagnerschwer; aufgewühlt, den Anfang beschwörend, findet der Rausch der Verzweiflung kein Ende als das des unerlösten Zusammenbruchs.
Gustav Mahler war 29, als er die erste Fassung der Sinfonie schrieb. Die Mitglieder des Jungen Philharmonischen Orchesters Niedersachsen sind zwischen 17 und 33. Doch es ist beileibe nicht nur der Gleichklang der jungen Jahre, der dieses Orchester für eine Aufführung von Mahlers Ersten wie prädestiniert erscheinen lässt. In der Aula des Westersteder Gymnasiums präsentierte es eine faszinierende Synthese von professioneller Perfektion und jenem Wagemut, der ein feinnerviges, noch nicht abgestumpftes Sensorium auszeichnet.
Was es unter dem kongenial engagierten Dirigat des ebenfalls noch jungen Andreas Schüller – beruflich zu Hause in Leipzig und Wien, ein kommender Maestro – in Schwung und Fluss formte, was es an Kontur und Nuance, an Schwärze, aber auch an Licht und Witz herausarbeitete, das war grandios, fast schon mustergültig.
Vorher, im ersten Teil, gab man Hans Rott, einen, der Mahler beeinflusst hat, und Erich Wolfgang Korngold, einen, der Mahler kannte. Dessen bilderreiches Violinkonzert, durchweht vom Duft der späten Wiener Salons, wurde zum Ereignis auch dank der Solistin. Die 26-jährige Geigerin Helena Madoka Berg – sie spielte auswendig, agierte unprätentiös, naturhaft geschmeidig, mit warmem, gewinnendem Ton, schlüssig phrasierend. Begeisterter Beifall dankte ihr, ein wahrer Jubelsturm am Ende dem Orchester und seinem Leiter.
