Westerstede - Achtung, Sicherheitshinweis! Die Warnungen vor Rauchen und Populismus sind klassisch. Neu entdeckt werden aktuell nun Brandherde in Shakespeares Werken: zu viel Blut, Tod und Unsittliches. Da muss sich doch auch, logisch, Gustav Mahler einreihen. Nehmt Euch vor diesem Komponisten in Acht! Seine Musik kann gewaltig depressiv machen.

Wer Mahlers 5. Sinfonie cis-Moll in Westerstede hört, wird beipflichten: Eminent gefährlich! Zwischen Trauermarsch, den seherisch 1903 beschriebenen heraufziehenden Schrecken des 20. Jahrhunderts, dem eigentlich unsentimentalen und doch kitschig schönen Adagietto und dem in Schräglage kippenden Schlusschoral geht es 70 Minuten lang ans Innere.

Das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen (JPON) schiebt die Grade auf der Emotionsskala hin und her. Regelrecht enthemmt, dürfte man sagen – würden die 100 Musikerinnen und Musiker nicht mit ihrer technischen Brillanz diesen Exzessen Zügel anlegen.

Seit der Gründung 1989 erarbeiten die Musiker des ehrenamtlich geführten Orchesters zwei Wochen lang in der Ammerländer Kreisstadt ihr Programm. Diesmal führt sie es noch nach Hannover und Berlin. Zehn Jahre schon ist Andreas Schüller ihr hoch geschätzter und motivierender musikalischer Leiter. Schüller ist Chefdirigent der Staatsoperette Dresden, zudem verpflichtet an der Wiener Volksoper.

Die Ammerländer wissen, was sie an „ihrer“ Institution JPON haben. Kein Platz in der Aula des Gymnasiums bleibt frei.

Mahlers Opus gewinnt im Projekt enorm, weil die Musiker höchst angespannt auf die Mit- und Nebenstimmen hören und eingehen müssen. So entsteht jenes Grundraunen, das offen lässt, wie viel die Musik preisgibt, wie viel sie bei allen herausgeschleuderten Emotionen verbirgt. Schüller geht Mahler radikal an, treibt Spannung und Wucht auf die Spitze. Doch er verschüttet keine getarnten ironischen Tiefen. Und in den zarten Streicherklang des Adagiettos zieht so viel Substanz ein, dass es nicht zwischen den Blöcken zermalmt wird.

Die Seelen-Kreuzfahrt auf hoher See ist gut vorbereitet, mit dem Wellenkräuseln von Felix Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre und Benjamin Brittens am Ende im Sturm hoch schlagenden Brechern in den Four Sea Interludes aus „Peter Grimes“. Zwei Jahre haben die Musiker wegen Renovierungsarbeiten nicht in Westerstede proben können. „Jetzt sind wir einfach glücklich, dass wir wieder zu Hause sind“, bekunden sie. Man hört es ihrem Spiel an.