WESTERSTEDE - Der Drummer ist nicht da. Der Bassist auch nicht. Und auch kein Mensch mit der Rhythmus-Gitarre. Vorn steht nur Joe Robinson, nahezu belagert von den Zuhörern in der Kapelle in Felde. Was er in drei ausverkauften Konzerten aus seiner Akustikgitarre herausholt, ersetzt jede Band.

„Fingerstyle“ heißt die Technik des 17 Jahre alten Australiers, auch „Fingerpicking“. Leo Kottke zelebrierte in grauer Vorzeit diese Saitenkunst, eine der schwierigsten auf dem Instrument. Der Daumen zupft durchlaufend den Bass. Melodie und Rhythmus fügen die anderen Finger hinzu. Sechs Saiten, zwei Daumen, acht Finger. Fertig ist eine ganze Band. „Fertig“ – klingt harmlos. Vier Stunden vor der Schule, vier Stunden danach hat Joe zu Hause täglich geübt. Längst feilt er auch in der Zeit, in der er früher zur Schule ging, an einer großen Karriere. „Meine Finger halten mich ganz schön auf Trab“, grinst er und fragt dann rhetorisch: „Was hätte man in einem solchen Kaff auch anderes anfangen können?“

Temagog heißt das verstreute Sammelsurium von Hütten und Farmen im Outback down under. „So klein wie Felde“, sagt der rührige Konzert-Veranstalter Holger Harms-Bartholdy, vermutet aber: „Ein paar Kängurus mehr werden dort wohl rumlaufen.“ Auf einen Schlag berühmt wurde Joe Robinson aus Temagog, als er 2007 die TV-Talentsuche „Australia’s Got Talent“ gewann. ASDS als Gegenstück zu DSDS, „Deutschland sucht den Superstar“. Australien jedenfalls hat einen.

Auf dem Klavier hat Robinson begonnen – und es hassen gelernt. Also trägt er auch einen Rag von Scott Joplin vor, den er „vom Klavier auf ein ordentliches Instrument transkribiert“ hat. Solch verschmitzter Humor und eine Portion Besessenheit prägen neben der frappierenden Technik sein Spiel. Rhythmusbetont sind die Stücke von „Misty“ bis „Midnight in Nashville“, mal dem Jazz, mal der Countrymusic, mal Funk, Rock oder Blues zugewandt. Er variiert auch abgegriffenere Läufe und Passagen mit einer Mischung aus Logik und Überraschung, ehe er intensiv für stillere Balladen einnimmt. Da zeigt es sich, welche Tonschönheit er in der Ruhe aus seiner Gitarre schüttelt. Wer weiß, es könnte sein Markenzeichen werden.

Felde hat er erobert. Im weiteren Europa ist er auf dem Wege. Amerika kennt ihn auch schon. Ach ja, Country-Traumstadt Nashville. Da strebt Joe einen Wohnungswechsel an: Nashville, Tennessee, statt Temagog, New South Wales.