Westerstede - Ihre größte Sorge: „Dass die Technik versagt!“ , sagt Pastorin Sabine Karwath. „Wenn bei der Generalprobe noch alles wie am Schnürchen läuft und tags darauf Ton und Bild versagen.“ Ihr Lachen erfüllt die St.-Petri-Kirche. Ansonsten ist es an diesem verregneten grauen Morgen friedlich still im Gotteshaus. Nur ein Adventskranz mit unzähligen selbstgebastelten Papierkerzen erinnert an die „Hochzeit“ der Geistlichen: Ob katholisch oder evangelisch, in diesen Tagen sind Pfarrer gefragter denn je. Karwaths Job als Seelsorgerin erinnert eher an den einer Eventmanagerin: „Ja, es muss alles gut organisiert sein“, räumt die Pastorin ein, die sich von dem vollen Terminkalender jedoch nicht aus der Ruhe bringen lässt: „Im Gegenteil, die Gemeinde trägt mich mit!“
Zielgruppen im Blick
Allein Heiligabend betreut sie drei Krippenspiele in der St.-Petri-Kirche vor rund 400 Zuhörern. Um 22.30 Uhr übernimmt sie die Christnacht in Halsbek. Am ersten Weihnachtstag predigt sie weihnachtlich weiter in Westerstede. All diese Gottesdienste müssen unterschiedlich gestaltet sein, denn nachts ist die Stimmung eine andere als vor der Bescherung. Bleibt da überhaupt noch Zeit für Weihnachten in der eigenen Familie? „Aber ja. Wir feiern zwischen den Gottesdiensten – und am 2. Weihnachtstag, da habe ich frei“, sagt Karwath mit einem Augenzwinkern.
Die To-do-Liste bis dahin ist aber noch lang: Am 22. Dezember schmückt die Pastorin die fünf Meter hohen Tannenbäume in der Kirche, am 23. bringt die Stadt die Bühne in die Kirche, die muss für das Krippenspiel aufgebaut und am 24. Dezember „ruckzuck“ nach der letzten Vorführung wieder abgebaut werden. Da muss jeder Handgriff sitzen, die Technik funktionieren.
Zweifelsohne: Kirche ist in der Weihnachtszeit ein Logistikunternehmen. „Ohne die ehrenamtlichen Mitarbeiter und vielen jugendlichen Helfer würde es nicht funktionieren“, betont die Pfarrerin. Das Krippenspiel hat sie – wie immer – selbst geschrieben, die Weihnachtspredigt ist noch nicht fertig: „Die muss wachsen.“ Momentan besucht sie viele Weihnachtsfeiern in Hollwege, Westerloy, Seggern oder Westerloyerfeld und bringt die Adventszeit in die Dörfer in ihrem Pfarrbezirk.
„Die Kirche lebt in diesen Tagen“, freut sich Karwath. Die Menschen suchten dieses „Weihnachtsgefühl“ – und dafür suchen sie die Gotteshäuser auf. Für die einen ist es die Musik, für andere das Krippenspiel, wieder andere bevorzugen die klassische Weihnachtspredigt. „Und wir schaffen diesen Raum“, so die Pastorin. Die Erwartungshaltung der Zuhörer ist dabei eigentlich gar nicht so groß: Wer Heiligabend kommt, will Tradition und keine Experimente. „Ihr Kinderlein kommet“, „Es ist ein Ros entsprungen“, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ sind Klassiker, bei denen alle Kirchenbesucher an Weihnachten zufrieden mit einstimmen. „Auch meine Krippenspiele erzählen die klassische Weihnachtsgeschichte“, so Karwath.
Mehr junge Familien
Insgesamt haben sich in Westerstede laut Sabine Karwath die Zielgruppen der Gottesdienste aber durchaus verändert – und das nicht nur zur Weihnachtszeit: „Die Kreisstadt hat sich in der Struktur verändert. Es gibt viele neue Baugebiete mit jungen Familien“ – entsprechend gefragt seien Kindergottesdienste.
Dass viele Menschen nur zu Weihnachten den Weg in die Kirche finden, nimmt die Pastorin gelassen: „Ich kann mich doch nicht mit erhobenen Zeigefinger hinstellen und sagen: Ihr müsst auch an anderen Tagen in die Kirche kommen, das müssen die Menschen selbst rausfinden.“ Laut Evangelische Kirche Deutschland gehen an Weihnachten etwa viermal so viele Menschen in die Kirche wie an „normalen“ Sonntagen: Insgesamt sind es rund 8,2 Millionen Frauen, Männer und Kinder, die singen, beten und zuhören: „Und es müssen nicht nur Christen sein – Weihnachten ist ein Fest für alle“, freut sich Karwath
