Berlin - Der Holocaust, so schreibt der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder in seinem Buch „Black Earth“, war nur möglich, weil zuvor ganze Staaten zerstört wurden. Ob in Polen, der Ukraine oder im Baltikum: Erst das Ende der souveränen Nationen und die Auflösung von Bürokratie und Verwaltung habe den Weg für den millionenfachen Mord an den Juden freigemacht.

Snyder (46), der bereits mit seinem Buch „Bloodlands“ über Osteuropa als „Raum der Gewalt“ für Aufsehen sorgte, stellt in seiner neuen, fast 500 Seiten langen Studie gängige Annahmen zum Holocaust infrage.

Der Yale-Professor und Berater von US-Präsident Barack Obama stützt sich dabei vor allem auf osteuropäische Quellen. Von Rumänien bis Frankreich zeichnet Snyder penibel nach, wie die Erosion von Rechtsstaatlichkeit das Werk der Vernichtung erleichterte.

Dabei habe sich NS-Deutschland bei der Rückeroberung der zuvor von der Roten Armee besetzten Gebiete auf Stalins Vorarbeit stützen können: Mit der Verfolgung von Intellektuellen, Bauern und anderen „Klassenfeinden“ habe schon die Sowjetbesatzung jede Form von Legalität zerstört.

Snyders Thesen, die zuweilen an Ernst Noltes umstrittene Vergleiche im „Historiker-Streit“ erinnern, geht es aber nicht um eine simple Gleichsetzung. Synder will die vielschichtige Dimension des Holocaust ausloten.

Warum wurden etwa in Estland 99 Prozent der Juden ermordet, während im besetzten Dänemark 99 Prozent überlebten? Estland, antwortet Synder, habe eine doppelte „Zerschlagung der höheren Verwaltung und der politischen Elite“ erlitten - zunächst durch die Sowjets und dann durch die deutschen Besatzer. Die Juden seien ihnen schutzlos ausgeliefert gewesen. In Dänemark dagegen habe der Staat den Besatzern getrotzt und sich vor seine jüdischen Bürger gestellt. Allerdings seien nicht-dänische Juden deportiert worden.

Verschärft wurde die Lage im Osten durch eine „doppelte Kollaboration“: In den im Russland-Feldzug eroberten Gebieten habe sich ein Teil der Bevölkerung schnell auf die deutsche Seite geschlagen und sich im vorauseilendem Gehorsam aus Angst vor Repressalien aktiv an der Verfolgung der Juden beteiligt.

Von den ostpolnischen „Killing Fields“ bis zum Baltikum - der Holocaust habe dort angefangen, wo 1939 und 1940 die Sowjetunion zunächst ihre eigene revolutionäre Ordnung etablierte. „Wo immer die Sowjets einen Staat zerstört hatten, funktionierte der Mythos des jüdischen Bolschewismus besser als von den Deutschen erwartet.“

So starben in den „staatenlosen Zonen“ mehr als 90 Prozent der Juden, im besetzten Frankreich oder im faschistischen Italien überlebten drei Viertel. Snyders Fazit: „Die Wahrscheinlichkeit, mit der Juden in den Tod geschickt wurde, hing eindeutig davon ab, ob die Institutionen staatlicher Souveränität weiterhin vorhanden waren und ob die Staatsbürgerschaft der Vorkriegszeit weiterhin galt.“

Mit fast schmerzlicher Genauigkeit blickt Snyder auf die „schwarze Erde“ der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Noch immer sei die Betrachtung des Genozids von einer deutschen Perspektive bestimmt. Synder weist auf die Wahrnehmungslücken hin: In Osteuropa und dem Baltikum seien mehr als fünf Millionen Juden ermordet worden, zehnmal soviel wie in Westeuropa.

Auschwitz, in der öffentlichen Erinnerung immer wieder als Symbol der Shoa beschworen, sei eher die Ausnahme als die Regel gewesen. Die meisten Juden seien mit Kugeln erschossen worden - vor dem Bau der ersten Vernichtungslager und im Angesicht ihrer Mörder, den SS-Einsatzkommandos, den deutschen Soldaten und einheimischen Komplizen.

Snyder zitiert zwar nicht seinen Kollegen Daniel Goldhagen, der über „Hitlers willige Volstrecker“, schrieb. Doch auch bei ihm wird deutlich: Die Massenhinrichtungen waren kein Geheimnis. Millionen Deutsche und Menschen im Osten wussten vom Genozid, stellten sich aber nach 1945 als unwissend dar.

Auch stellt Synder die Deutung in Frage, Hitler sei planmäßig gegen die Juden vorgegangen. Erst als sich das Scheitern des Russland-Feldzuges abgezeichnet habe, sei für die Nazis klar geworden, dass eine Umsiedlung der Juden etwa nach Sibirien nicht infrage komme. In seiner Welt des Rassenkampfes habe Hitler dann den Genozid vorangetrieben - auch gegen militärische Interessen. Die Verfolgung wurde im Kriegsverlauf wichtiger als der Endsieg. Deutschland wurde auf dem Schlachtfeld besiegt, gewann aber den Krieg gegen die Juden, konstatiert Snyder. Für Hitler sei die Vernichtung der Juden teil eines „planetarischen Kampfes“ zur Sicherung eines „Lebensraums“ für die Deutschen gewesen.

Allerdings bleibt Synder die Begründung schuldig, warum sich der Holocaust wiederholen kann, wie der Untertitel des Buches lautet. Zwar weist er darauf hin, dass globale Verteilungskämpfe und der Klimawandel moderne Gesellschaften vor neuen Herausforderungen stellen. Doch was etwa die Erderwärmung mit Hitler verbindet, bleibt unschlüssig.

Überzeugend ist dagegen Synders Plädoyer für die Verteidigung des Rechtsstaates. Wer, wie die deutschen Denker Theodor Adorno und Max Horkheimer, den kapitalistischen Staat für Hitler verantwortlich macht, lenke den Blick in die falsche Richtung. Nicht ein starker, sondern ein schwacher Staat haben den Holocaust ermöglicht. Stichhaltig ist auch Synders Warnung an die USA: Nach der Invasion im Irak sei kein demokratischer Staat entstanden, wie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Lehre aus der Geschichte hätten die USA sträflich ignoriert - mit tragischen Folgen.