Wildeshausen - „Kleine zauberhafte Marionette, hängst am seidenen Faden, fühlst dich wie an eiserner Kette, würdest so gerne eigene Schritte wagen“. So beginnt ein im Juli 2006 verfasstes Gedicht von Gerda Hespe-Meyer. Einige Jahre zuvor hatte die Landwirtsfrau aus Düngstrup die Diagnose Parkinson erhalten. Danach war alles anders, aber anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, tat Gerda Hespe-Meyer etwas anderes: Sie entdeckte ihre Kreativität neu, für die in all den vergangenen geschäftigen Jahrzehnten keine Zeit gewesen war.
Hobby aus Kindertagen
„Ich habe quasi ein altes Hobby aus meiner Kindheit wieder belebt und fing an zu zeichnen und zu dichten“, erzählt die 61-Jährige. Was damals die Stars aus der Bravo waren, waren nun schöne Servietten, Kalenderblätter oder Motive aus Illustrierten, die die Düngstruperin mit viel Liebe zum Detail abzeichnete.
Diverse Volkshochschulkurse und Ausstellungen folgten. Zeichnen kann sie allerdings nur, wenn sie weder in einer unbeweglichen noch in einer überbeweglichen Phase ist, „quasi dazwischen, wenn alles locker ist“. Motive aus der Anfangszeit wie das schwarze Pferd und das Papageienaquarell gehören bis heute zu ihren Lieblingsbildern. „Dass die damals so gut gelungen sind, hat mich richtig beflügelt“, freut sich die Hobbykünstlerin.
Zu sehen sind all ihre Lieblingsmotive seit Dienstag im Wildeshauser Alexanderstift. Fast 40 Zeichnungen zeigen Tiere, Landschaften, Gebäude und Porträts. Intensiv blicken einen weise Schimpansenaugen an, während ein Stück weiter ein keckes Mädchen kokettiert. „Ich beginne immer mit den Augen, denn die sind das Wichtigste“, erklärt Hespe-Meyer ihre Vorgehensweise. Mehr als 100 Bilder sind so entstanden, von denen sie fast alle noch hat, „denn ich hänge an jedem einzelnen“. Den Großteil des Werkes machen Bleistiftzeichnungen von Tieren aus, aber auch Porträts und einige Aquarelle finden sich. Wenn das Resultat der Hobbykünstlerin nicht gefällt oder die Krankheit ihr einen Strich durch die Rechnung macht, radiert sie es weg und macht eine Pause.
Noch bis Ende September ist Hespe-Meyers Ausstellung im Alexanderstift zu bewundern. Auch ein Gedicht fehlt inmitten all der Bilder nicht. „Früher habe ich für jeden Lehrling auf unserem Hof einen Vierzeiler geschrieben“, schmunzelt die Düngstruperin. Inzwischen füllen ihre Reimereien, die sie alle auswendig kennt, mehrere kleine Heftchen, die sie selbst gedruckt hat und an liebe Menschen verschenkt.
Kraft für Kreativität
Woher sie die Kraft für soviel Kreativität und Lebensfreude nimmt, weiß Gerda Hespe-Meyer selbst nicht so genau. Eins ist jedoch klar: „Ich habe einen tollen Mann und zwei Kinder, die längst erwachsen sind, mich aber immer voll unterstützen.“
Und Kraft gibt natürlich auch die Präsentation ihrer Werke, mit der sie anderen Mut machen will, auch zu zeichnen und zu malen.
Die nächste große Ausstellung ist 2016 in der Heimat der gebürtigen Dingstederin geplant, die in Kirchhatten zur Schule ging. Vom 22. Februar bis zum 1. März werden Hespe-Meyers Zeichnungen im Hatter Rathaus zu sehen sein.
Von der „Kleinen Marionette“ gibt es übrigens eine Fortsetzung, in der es unter anderem heißt: „Du brauchst deinen seidenen Faden, er hält dich aufrecht, gibt dir Halt. Da helfen kein Jammern und Klagen, und ganz gewiss keine Gewalt.“
