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Krimis Wie man das Böse mildert

Reinhard Tschapke

Los Angeles - Mit der grausamsten aller grausamen Szenen beginnt dieser Roman. Ein Mensch wird ausgeweidet wie ein Tier.

Der arme Kerl hat schon keine Beine mehr. Auch ein Arm fehlt. Tief in seinen Bauchraum wird auch noch gegriffen, um Eingeweide herauszuholen. Stück für Stück, und der Detektiv Harry Bosch schaut zu. Wie in einer apokalyptischen Szene eines mittelalterlichen Gemäldes.

Dunkles Los Angeles

Macht es einen Unterschied, dass hier natürlich eine Leiche obduziert wird? Dass in dieser Szene allerdings, anders etwa als in „Tatorten“, wo nur mal eben grob auf einen Toten bei dräuender Musik geschaut wird, die richtige, wirkliche, harte Arbeit von Pathologen beschrieben wird? Ja, natürlich macht es einen Unterschied, und dieser Unterschied bedeutet Millionenauflagen und etliche Verfilmungen.

Der amerikanische Schriftsteller Michael Connelly (60) hat mit Harry Bosch und dessen Polizeiarbeit in Los Angeles seit den neunziger Jahren eine faszinierende Figur entwickelt. Bosch ist, soweit man das beurteilen kann, dicht an der Realität angelegt. Der erfahrene Detektiv ermittelt der Rente entgegen, kümmert sich mit seiner neuen Partnerin Lucia Soto gerade im neuen Krimi „Scharfschuss“ um „kalte Fälle“. Es geht um einen Überfall, eine Brandstiftung vor 20 Jahren und um einen Mord.

Auf 458 Seiten wird ausführlichst ermittelt. Wie bei Connelly üblich geht es weniger um spektakuläre Schießereien oder wilde Verfolgungsfahrten durch Hochhausschluchten, sondern um langwierige, penibelste Polizeiarbeit. Da sind Analysen von Munition. Da werden Aufnahmen von Überwachungskameras stupende durchgesehen. Das alles ist gespickt immer wieder mit Rückschlägen, garniert mit dem Neid von Kollegen oder gewürzt mit der Bosheit von Vorgesetzten. Also sehr realistisch.

Bosch stochert im Sumpf der örtlichen Politik herum, kämpft mit Budgetkürzungen seines Ressorts. Manchmal verrennt er sich, oft liegt er richtig. Dabei ist seine Arbeit zutiefst Gedankenarbeit, und man wundert sich im Nachhinein, wie Romane mit ihm verfilmt worden sind, ohne dass die Zuschauer murrten.

Connelly-Krimis gehören inzwischen zu den erfolgreichsten überhaupt. Das hat auch damit zu tun, dass der Harry Bosch im Buch eigentlich Hieronymus Bosch heißt, wie der Maler (1450–1516), der uns bis heute vor einer wimmelnden, wilden Welt staunen und rätseln lässt, einer Welt, gefüllt mit Symbolen von Todsünden, mit Dämonen, Fabelwesen und Geheimnissen.

Legendärer Ermittler

Connelly hat den einsamen Detektiv so angelegt, dass dieser versucht – wie ein Kunsthistoriker die Rätselbilder des Malers –, das Schreckenschaos unserer Welt zu entwirren, zumindest das Böse zu mildern. Wie der arme, bewundernswerte, faszinierende Bosch daran naturgemäß scheitert, ist wunderbar zu lesen, auch im neuen, bereits 19. Thriller mit dem legendären Ermittler.

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