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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Wie man sich eine Bestie bastelt

17.10.2015

Oldenburg Selten passte der Name eines Theaters so gut zum Bühnenstück wie in diesem Fall: Das Theater Laboratorium wird tatsächlich mal zu einem Laboratorium.

Rechts auf der Rampe brodelt was. In der Mitte steht eine Bahre mit zugedecktem Körper. Altertümliche medizinische und allerhand technische Utensilien ringsum. Wir gucken in ein Labor. In ein Menschenbau-Labor. Zu Sicherheit umschließen mannshohe Metallgitter das Ganze. Es könnte gefährlich werden. Im Riesenkäfig bastelt sich Dr. Viktor Frankenstein gerade aus Leichenteilen ein Wesen. Schon holt er einem Arm aus dem Eimer, Nadel und Faden liegen bereit . . .

Unter der Regie von Barbara Schmitz-Lenders spielen Jonathan Went und Pavel Möller-Lück die irre Geschichte jenes künstlich geschaffenes Kerls, die schon durch viele Filme geisterte: „Mary Shelley’s Frankenstein“, nach dem Schauerroman von 1818.

Außerhalb des Käfigs steht Shelleys hübsche Frauenbüste. Steinern wirkt das Teil. Aber es kann überraschend den Mund bewegen und mit der Stimme aus dem Off putzig erzählen, wie sie – also die Schriftstellerin Shelley – einst dazu kam, die Prosa aus Schauder und Emotion zu erfinden, die uns nun unterhält. Die Lippen sind Teil jener Bühnenwundertüte, die uns wieder mal im Theater Laboratorium erfreut.

Die 90 pausenlosen Minuten vergehen wie im Fluge. Ein hübscher Geisteswitz der Inszenierung ist, dass das künstliche Geschöpf von einem Menschen dargestellt wird, während die Menschen, darunter Frankenstein und seine ganz in Rot getauchte Frau, als Puppen von Pavel Möller-Lück geführt werden. Vielleicht sind Puppen ja auch nur Menschen. Oder umgekehrt.

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Die Geschichte um ein Geschöpf, das seinen verzweifelnden Schöpfer mörderisch verfolgt, ist gut am Roman orientiert. Man verzichtet bewusst auf eine Verteufelung der Kreatur oder eine Totalvergruselung. Sicher, es schreit auch mal ein Käuzchen. Gewiss, Nebelwerfer legen los. Auch ein Vögelchen wird grob gequetscht oder Frau Frankenstein übelst erwürgt.

Jonathan Went ist nur in Maßen auf hässlich geschminkt. Er zeigt die namenlose Kreatur doppelbödig: zu Emotionen fähig, aber auch auf dumpfe Art mörderisch. Also nicht gerade leicht zu integrieren. Einer, der ein Kind auf der Schaukel erdrosselt und selbst ein Riesenbaby ist. Oder das Haus einer lieben Familie abfackelt. Das Gebäude existiert wirklich und brennt wirklich am Abend ab – als hübsches Minihaus auf einer liebevoll gestalteten Bühne (Beatrice Bader).

Den harten Taten, die gern von dräuender Musik begleitet werden, steht einiges Putziges gegenüber – hier das Stöckchen einer Blindenpuppe, dort ein Plastikherz, das in die Tonne gekloppt wird. Und wie selbstverständlich spüren wir gar nicht, dass die von Mechtild Nienaber geschaffenen Puppen allerfeinst von Möller-Lück geführt werden.

Die Bühne kuschelig, die Dialoge flott, die Handlung spannend, das Zusammenspiel von Schauspielern und Puppen einzigartig: Mehr Theater geht eigentlich nicht.


Alle NWZ -Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 
Dr. Reinhard Tschapke
Redaktionsleitung
Kulturredaktion
Tel:
0441 9988 2060

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