WIEFELSTEDE - Der Aschenbecher quillt über, die Luft ist rauchgeschwängert, Kaffee und Trockenmilchpulver stehen auf dem Tisch. Keine zehn Quadratmeter misst der Raum: Decke und Wände sind holzvertäfelt, die Einrichtung: Gelsenkirchener Barock mit Schrankwand. Wer unter Platzangst leidet, wird es keine drei Minuten aushalten, fast schon klaustrophobisch ist diese Atmosphäre.
Genau das Richtige allerdings für die beiden jungen Männer, die gleich drei Wochen lang hier arbeiten – locker 16 Stunden am Tag. Christian Prettin und Sören Hüper schreiben in einer kleinen Waldhütte im Ammerland das Drehbuch für ihren ersten Spielfilm. Kein Besuch, keine Ablenkung, die einzige Verbindung zur Zivilisation ist das Telefon. „In einer solchen Atmosphäre kann man auch keine Komödie schreiben, sondern nur ein knallhartes Drama“, sagt Sören Hüper fröhlich und steckt sich erstmal eine Zigarette an.
In ihrem normalen Leben wohnen die beiden in Hamburg. Christian Prettin arbeitet als Allgemeinmediziner, Hüper ist Diplomkaufmann sowie Diplomfilm- und Fernsehproduzent – eine bunte Mischung, die es in sich hat und die ihren Anfang in Oldenburg nimmt: Dort sind die beiden aufgewachsen, richtig kennengelernt haben sie sich aber erst beim Studium in Münster. Ein missratener Kinoabend brachte den „Film-Stein“ schließlich ins Rollen: „Das war irgendeine grottenschlechte deutsche Komödie, und wir haben uns gedacht, das können wir besser“, erinnert sich der 39-jährige Prettin. Damals seien beide vom Studium gefrustet und auf der Suche nach etwas Sinnvollem gewesen.
Und dann haben sie sich hingesetzt, jede Menge Bücher wie „Drehbuchschreiben leicht gemacht“ gelesen – und schließlich ein Drehbuch verfasst. Mit einem Kindheitstraum vom Filmemachen hat diese Geschichte offensichtlich nichts zu tun.
„Das Manuskript haben wir zwar nie verkauft, aber jede Menge Kontakte geknüpft“, erzählt der 34-jährige Hüper. Obwohl sie nun schon etwas Filmluft geschnuppert hatten, ließen sie sich von Glanz und Glamour nicht auf eine falsche Fährte locken: Sie beendeten beide ihr Studium. Aber die Leidenschaft für den Film war längst geweckt – sie blieben am Ball und landeten in Hamburg. Mit „Anna und der Soldat“ gelang ihnen 2004 ein erster Durchbruch: Der zehnminütige Kurzfilm wurde auf 144 Festivals gezeigt und gewann 15 Auszeichnungen.
Im selben Jahr lernte Christian Prettin zufällig jemanden kennen, der das perfide System der DDR-Staatssicherheit am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte: Die thematische Idee war geboren. „Der Kurzfilm ,Die Klärung eines Sachverhaltes ist aber letztlich nur eine filmische Visitenkarte für den Langfilm“, erklärt Prettin – für die es im Oktober immerhin den „Kurzfilm-Biber“ gab. Cineasten wissen, dass das Biberacher Filmfest in der Szene als Treffpunkt der deutschen Filmemacher gilt. „Wir hätten nie damit gerechnet, den Preis zu gewinnen“, freut sich Hüper.
In der Begründung der Jury heißt es: „Der menschliche Blick des Films von Sören Hüper und Christian Prettin ist ein wichtiger Beitrag für eine wirkliche Aufarbeitung dieses bis dato oft zu plakativ dargestellten Kapitels deutscher Geschichte. Ein kleines Meisterwerk, dem rasch ein großes folgen sollte.“ Und genau deshalb sitzen die beiden Männer zurzeit Tag und Nacht in der Waldhütte und schreiben am „Preis der Freiheit“. „Nein, auf die Nerven gehen wir uns überhaupt nicht“, erklärt Hüper. Da sei gar keine Zeit für da: Sie stehen morgens auf und fangen an zu arbeiten. Das Wichtigste: Kaffee, Zigaretten und Miracoli. Bis Ende Januar muss das Drehbuch der Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein vorliegen, damit die Produktion gefördert wird – dabei geht es immerhin um eine Finanzspritze von 800 000 Euro. „Mit rund zwei Millionen Euro ist der Film immer noch eine Low-Budget-Produktion“, erklärt Prettin, dessen Frau eigentlich lieber drei Wochen mit ihm in den Urlaub gefahren wäre, statt ihn alleine ins Ammerland reisen zu lassen. Überhaupt bringen Familie und Freunde viel Verständnis für die beiden auf.
Gedreht wird vermutlich erst Ende nächsten Jahres – Regie führen: Sören Hüper und Christian Prettin. Zwei Oldenburger, die ihren ersten Langfilm drehen – das hört sich nach einem guten Eröffnungsfilm für das Oldenburger Filmfest an. „Da haben wir uns zwar schon mit unseren Kurzfilmen beworben, aber bisher vergebens“, bedauert Hüper.
Wer weiß, das wäre nicht die erste Hürde, die die beiden nehmen – und mit Sicherheit nicht die letzte.
