WIEFELSTEDE - Es gibt eine Frage, die sich wohl alle Kirchengemeinden stellen: „Wie kann man dem heutigen Menschen den Glauben vermitteln?“ Diese Frage stellt sich auch Dr. Tim Unger (49), Pfarrer in der Kirchengemeinde Wiefelstede. Doch er hat Glück – für die Beantwortung dieser Frage braucht er sich nur an einen Sohn der Gemeinde zu erinnern: Rudolf Bultmann.

Der Theologe ist 1884 im ehemaligen (und 1910 abgerissenen) Pfarrhaus in Wiefelstede als Sohn des Pfarrers Arthur Kennedy Bultmann geboren worden. Nun ist im Rahmen der Kreissynode vor rund einer Woche das Wiefelsteder Gemeindehaus nach ihm benannt worden.

„Für die Gemeinde selbst hat er eigentlich kaum eine Bedeutung. Er hat hier nie gepredigt“, sagt Unger. Und doch hat er sich eben jener Frage gewidmet, die auch in Wiefelstede von Belang ist. Deshalb möchte man mit der Umbenennung des Gemeindehauses Bultmann „in der Öffentlichkeit bekannter machen“.

2007 wurde bereits zur 950-Jahr-Feier der Wiefelsteder St.-Johannes-Kirche eine Plakette mit den wichtigsten Lebensdaten Bultmanns am Pfarrhaus befestigt. Zwei Jahre später, zu seinem 125. Geburtstag, wurde mit Veranstaltungen an ihn erinnert. „Da kam die Frage auf, ob wir nicht mal etwas nach Bultmann benennen wollen“, so Unger. Dabei gibt er zu: „In Wiefelstede kennt ihn kaum jemand.“ Wer also war Rudolf Bultmann eigentlich?

Bereits mit vier Jahren zog er mit seiner Familie nach Rastede und später weiter nach Oldenburg. Dort wurde er Lehrer. Zunächst steuerte seine Laufbahn darauf zu, wie sein Vater Pfarrer zu werden. Doch dann wandte er sich doch der Wissenschaft zu. Seine wichtigste Station war Marburg, wo er als Professor für Neues Testament tätig war. Dort blieb er von 1921 bis zu seinem Tod 1976. Bis heute nennt sich sein Schülerkreis „Alte Marburger“.

Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, entstand in der Evangelischen Kirche das Bestreben, „nichtarische Pfarrer“ zu entlassen. Bultmann trat mit einem Aufsatz in Erscheinung, in dem er sich dagegen aussprach. Die Taufe mache alle Menschen zu Christen und somit alle gleich, so seine Argumentation.

Im Februar 1933 sprach er sich in einer Vorlesung als einer der wenigen gegen die Ideologie der Nazis und die Judenverfolgung aus. „Trotzdem war Bultmann kein politischer Widerständler“, meint Unger. „Es waren eher einzelne Momente, in denen er sich aufgelehnt hat. Somit bekam er wohl auch keine Schwierigkeiten mit den Nazis.“

Schwierigkeiten bekam Bultmann erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch einen Vortrag, in dem er erklärte, dass man nicht an Wunder glauben dürfe. Wichtig seien nicht die Wunder, wie sie in der Bibel beschrieben werden, sondern was sie bedeuteten, meinte er. „Da gab es richtig Ärger“, so Unger. „Es gründete sich sogar eine Initiative, die Bultmann aus der Kirche ausschließen wollte.“

Doch während Bultmann bezichtigt wurde, die Wunder und womöglich gleich die Bibel abschaffen zu wollen, war sein Bestreben nur, den modernen Menschen bezogen auf ihr ebenso modernes Weltbild den Glauben zu vermitteln. „Das war schon progressiv. Und dabei ist er mit manchen Äußerungen auch schon mal über das Ziel hinaus geschossen“, so Unger.

Doch der theologische Auftrag, wie ihn Bultmann verstanden hat, ist noch immer aktuell – auch in Wiefelstede: „Viele Menschen haben Probleme mit dem, was in der Bibel steht und können somit auch nicht daran glauben. Das müssen wir ihnen modern übersetzen“, so Unger.