WILDESHAUSEN - Er ist nach eigenem Bekenntnis „ein leidenschaftlicher Verfechter der Feier- und Trinkkultur“. Doch Heinrich Boning, wortgewaltiger Staatsanwalt des Gilde-Gerichts, kann auch anders. Charmant wirbt er für Theater und Literatur. Beim Vers „Heut’ ist ein Tag, an dem ich streicheln kann“ schmiegt er sich an Musiker Ralf Grössler. Zu diesem Zeitpunkt ist die Stimmung auf dem Marktplatz schon auf dem Siedepunkt. Kirchenkantor Grössler hat beim Wildeshauser Kulturfest die Kinder auf die Bühne vor dem Stadthaus geholt. Gemeinsam animieren sie das Publikum, zu klatschen, zu stampfen oder gar in die Luft zu hüpfen.

Beim Kulturfest, von vielen Ehrenamtlichen des Kulturkreises und des Bürger- und Geschichtsvereins organisiert, ist für jeden etwas dabei. Nach der Eröffnung durch die Trommler von Acompasso, angeführt von Oliver Franz, und Bürgermeister Dr. Kian Shahidi, verbreitet ausgerechnet Diakon Rainer Lübke als Bösewicht „Herr K.“ schlechte Laune. „Herr K.“ hat das „MeNaTe“ vom Himmel geholt und es in die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft zerschlagen. Luise, dargestellt von Katharina Ukena, hält den Wissenschaftler auf. Das Stück aus der Ferienwoche der Evangelischen Jugend unter Leitung von Diakon Jo Kretzschmar-Strömer begeistert die Zuschauer. Ihnen bieten sich herrliche Bilder, als Drachen aus Pappe Feuer speien, Blumen aus der Erde wachsen oder Fische vor der blauen Leinwand tanzen.

„Kommt alle her und macht mit“, ruft Grössler dazu auf, Kaffee und Kuchen mit Bewegung und Musik zu verdauen. „Jetzt kommt meine Lieblingsstrophe: Aufstehen!“, ruft er, und kaum einen Besucher hält es unter dem großen Fallschirm auf dem Platz. Der kleine Thorben, der als „Spion“ die Sitzenbleiber zeigen soll, hat es nicht leicht.

Derweil lesen Susanne Schöne, Gisela Poppe, Anke Domke und Anne Held, alle Mitglieder der Theatergruppe „Dunkelrote Rosen“, den jüngsten Besuchern des Kulturfestes im Märchenzelt vor. Gefragt sind Märchen aus dem Orient, aber auch Astrid Lindgren oder Otfried Preußler. Im Zelt gegenüber werden zwölf Bilder bei einer „stillen Auktion“ versteigert. Doch als Carsten Bruhns und Barbara Pölking kurz vor 18 Uhr die Aktion beenden, wechseln nicht alle Werke die Besitzer. Mit 300 Euro erzielt die Radierung „Juckpulver“ von Hartmut Berlinicke den Höchstpreis. Thomas Becker ersteigert sich Berlinickes „Unterwegs nach Sardinien“. Sabine Vogelsang darf Bruhns’ Radierung „Jabbok“ behalten.

Riesigen Applaus gibt es auf der Bühne auch für das Blauschimmel-Theater, das die letzte Szene aus „Liebe Macht Geschichte“ zeigt, sowie für den Auftritt der Profisorischen, die mit Stücken wie „Es ist Sommer“ oder „Jungs vom Deich“ den Raum füllen. „Es ist ein Schaufenster der Kunst im Herzen der Stadt“, wie Marianne Steinkamp sagt. Sämtliche Einnahmen kommen der neuen Stiftung „Kultur und Geschichte“ zugute. Am Ende zählt das Organisationsteam mit Gudrun Michler an der Spitze 2750 Euro. „Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden“, sagt sie.

Zufrieden zeigt sich auch Heinrich Boning, der unermüdlich für Kunst und Kultur wirbt. Allen, die das Kulturfest Ansporn war, wieder ins Theater oder in eine Ausstellung zu gehen, gibt er mit auf den Weg: „Der Kopf ist rund, damit man das Denken ändern kann.“

Stefan Idel
Stefan Idel Landespolitischer Korrespondent