WILDESHAUSEN - Seit 30 Jahren fährt Martin Reiser beim Gildefest im Adenauer-Mercedes vor. Wer die Familie Reiser besuchen will, muss zum Haus auf der „Reiser-Straße“.
Von Anja Biewald
Stilvoller als Martin Reiser und seine Freunde kann man am Pfingstdienstag wohl kaum zum Ausmarsch beim Gildesfest vorfahren: In einem Mercedes der 300er Serie (Baujahr 1952), besser bekannt als Adenauer-Mercedes, lassen sich die Mannen bis zur Alten Apotheke chauffieren.
Früher wurden in diesen Autos neben dem Kanzler hohe Staatsbeamte und hochkarätige Politiker aus dem Ausland zu wichtigen Staatsempfängen gefahren. Heute sitzen Männer in Frack und Zylinder auf der Rückbank zumindest dieser noblen Limousine – auf dem Weg zum wichtigsten Ereignis des Jahres in der Kreisstadt. Der Mercedes sei „pfingstschwarz“, behauptet Reiser, der sein Schmuckstück nun seit 30 Jahren m Gildefest aus der Garage holt. Vorher wird das Auto vom Staub des Winters befreit, poliert und gewienert: Im Lack und auf den Chromleisten muss man sich spiegeln können. Mit dem Kauf des Adenauer-Mercedes hat sich Reiser einen Traum zur bestandenen Prüfung als Kfz-Meister erfüllt. 30 Liter Benzin verbraucht das Geschoss auf 100 Kilometern, doch das ist Reiser egal: „Man setzt sich hier für die Gilde ein. Wer von Wildeshausen etwas hält, der hält auch etwas von der Gilde.“ Vor diesem Hintergrund wurde Reiser Angst und Bange, als von politischer Seite über die Abschaffung des Feiertages
am Pfingstmontag diskutiert wurde. Energisch machte Reiser auf postalischem Wege beim Münsteraner Bischof Dr. Reinhard Lettmann Front gegen dieses Vorhaben, dessen Umsetzung das Gildefest doch empfindlich gestört hätte.
Martin Reiser stammt aus einer Familie, in der die Traditionen der Gilde hochgehalten wurden: Der Vater war Offizier, der Bruder 1986 König und Martin Reiser selbst holte 1990 den Papagoy von der Stange. Eine Nachbildung des Originals hat Reiser auf dem Dach seines Hauses angebracht. Und in der Einfahrt hängt nicht etwa ein normaler Briefkasten, nein da steht ein Straßenschild, das auf die „Reiserstraße“ und die Verbindung zur Schützengilde Wildeshausen hinweist. Ím Wohnzimmer von Martin Reiser und seiner Frau Doris stehen ganze Aktenordner voller Zeigungsberichte und Fotos vergangener Gildefeste. An den Wänden hängen Bilder von Reiser und dem Adenauer. Kein Wunder, dass die beiden Söhne des Ehepaares, Moritz (13 Jahre) und Felix (10 Jahre) schon in Papas Fußstapfen treten: Moritz wollte im vergangenen Jahr Kinderkönig werden, scheiterte aber in der ersten Runde. In diesem Jahr soll es besser klappen, dann wird auch sein Bruder Felix erstmals mit der Armbrust auf den Papagoy schießen.
Geübt wurde nicht. „Das wird schon werden“, ist sich Martin Reiser aber sicher.
Berichte zum Gildefest unter www.NWZonline.de/gildefest
