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Aufführung Entlarvung eines verdorbenen Subjekts

Norbert Czyz

WILHELMSHAVEN - Dorfrichter Adam (virtuos: Thomas Hary) krächzt und flüstert, mal laut, mal leise und riecht widerlich aus dem Mund. Gerichtsrat Walter (Holger Spengler), anfangs stocksteif, zeigt erst nach ein paar Gläsern Wein menschlichere Züge. Rupprecht (Christian Simon) spricht mit vollem Mund und oft mit Händen und Füßen gleichzeitig. Mar­the Rull (brillant: Angelika Bartsch) ist Schwatzbase und Energiebündel zugleich und Bauer Tümpel von der Schüttellähmung gezeichnet. Dieses Gebrechen muss uns Zuschauern Stefan Ostertag etwa 90 Minuten ohne Pause vorspielen. Alle Achtung.

Olaf Strieb hat Heinrich von Kleists „Zerbrochnen Krug“ als boulevardeskes Lustspiel in Cinemascope- Format auf die Bühne gebracht, hat es bis auf Punkt und Komma in allen Details ausgemalt. Herausgekommen sind pralle 100 Minuten, in denen es keinen Stillstand gibt und nur wenig Atempausen.

Wenn sich der Vorhang öffnet, blickt man in einen weiten Raum, in dem es aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Das Mobiliar reicht vom Strohballen bis zum Bücherberg, vom Fass bis zum Schachbrett und einer quer gespannten Wäscheleine. Wenn Dorfrichter Adam, schwer gezeichnet von seiner nächtlichen Eskapade bei Eve (Aida-Ira El-Eslambouly besticht mit stummem Spiel), aus seinem Alkoven steigt, wird der Blick frei auf ein erotisches Bild badender Damen.

Dass in diesem Raum, in dem es auch noch bestialisch stinkt, was den Schreiber Licht (Jarno Stiddien) nötigt, sich die Nase zuzuhalten und schleunigst das Fenster aufzureißen, nach den Regularien Recht gesprochen werden könnte, scheint von vornherein ausgeschlossen – schon gar nicht, wenn der Richter auch der Täter ist.

Strieb hat die Entlarvung des Dorfrichters Adam als moralisch und beruflich verdorbenes Subjekt nicht nur üppig bebildert, sondern auch üppig inszeniert. Er hat die einzelnen Figuren psychologisch trefflich durchgestaltet und sich dabei deftiger Pinselstriche bedient.

„Der zerbrochne Krug“ quillt über vor Regieeinfällen, man hätte damit locker zwei Inszenierungen spannend machen können. So sehr aber Strieb die Gemengelage aus der Unmoral der Herrschenden und der Einfältigkeit der Bauern in allen möglichen Pastellfarben und mit grellen Tupfern ausgemalt – was man etwas vermisst in dieser pittoresken Inszenierung, ist der gallige Beigeschmack, den eine solche spaßige Rechtsprechung hat. Wir alle wissen, dass derartige Verhältnisse kein Vorrecht der niederländischen Provinz sind.

Dennoch: Die Inszenierung besticht durch die Qualität der schauspielerischen Leistungen – ohne Ausnahme. Das Publikum wusste Schauspiel- und Regieleistung gebührend zu würdigen.

 @ Alle

NWZ

 -Kritiken unter:

http://www.NWZonline.de/theater

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