WILHELMSHAVEN - Theater von Alten für alle – damit macht man bei der Landesbühne Nord sehr gute Erfahrungen. Jetzt proben die Älteren für „Das verhängnisvolle Gartenfest“.
Von Martin Wein
WILHELMSHAVEN - „Ich verlasse dich.“ Erna Freihöfer kämpft mit ihrer Festigkeit. Wo die Hände lassen, wo die Augen? Ihre Stimme bricht, aber nuscheln gilt jetzt nicht. Wolfgang Müller fehlt es nicht an Präsenz. Er schüttelt Erna, dass das Rheuma in ihren Armen noch stärker schmerzt. Dafür kann er sich den Text nicht merken. „Du verlässt mich?“, fragt er nach kurzem Zögern. Da soll sie lieber erst einmal ins Haus kommen, bevor die Nachbarn etwas hören.Auf der kargen Probebühne A im Wilhelmshavener Stadttheater entsteht ein Gartenfest. Im Neonlicht vor löchrigen Betonwänden ringen Erna Freihöfer, Wolfgang Müller und Vera Petarus um die Einstiegsszene für das neue Stück des Altentheaters der Landesbühne Niedersachsen Nord. „Das verhängnisvolle Gartenfest“ wird es heißen und hat am 24. März Premiere. Die da auf der Bühne stehen, haben die 50 Jahre alle überschritten und das Berufsleben meist hinter sich. Maren Robbers ist mit 84 die Älteste im sechsköpfigen Ensemble.
Trotz ihres Alters lassen die Laien sich von der erst 28-jährigen Dramaturgin Alice Quadflieg sagen, wo es langgeht. „Texte lernen, Bühnenverabredungen halten, an der eigenen Präsenz arbeiten – all das hält die Mitspieler jung“, freut sich die Leiterin der Theatergruppe, „die wollen erzählen und gefordert werden.“ Wenn Erna und Vera sich in der Rolle von Mutter und Tochter in die Arme fallen, zwingt das zu mehr Intimität, als sie viele Ältere seit langem erleben.
Mit Theatergruppen für Ältere hat man bei der Landesbühne jahrzehntelange gute Erfahrungen. Vier Gruppen zwischen Leer und Emden betreute Schauspielerin Angelika Heinich, bis das Spar-Diktat vor Jahren ihre Stelle kostete. Legendär waren „Die Unverwüstlichen“ aus einem Altenheim in Leer, pflegebedürftige Menschen, oft im Rollstuhl und bis zu 95 Jahre alt, die sich auf die Bühne wagten.
Im kleinen Rahmen setzten Christoph Meckel und derzeit Alice Quadflieg die Arbeit fort. Die letzte Produktion „Vom Winde verweht“ wurde 2006 zum Altentheatertreffen „Herzrasen“ ins Hamburger Schauspielhaus eingeladen.
„Ich verarbeite die Erlebnisse und Erinnerungen der Mitspieler für die Geschichten, die wir erzählen. Das ist das Erfolgsrezept“, verrät Alice Quadflieg. „Heirate erst, wenn du nicht mehr verliebt bist“, hat ihr neulich eine Mitspielerin gesagt, „dann weißt du erst, was er für ein Kerl ist.“
Die Weisheit findet sich im aktuellen Stück wieder. So profitieren nicht nur die Teilnehmer von dem Angebot – auch das Publikum erfährt viel darüber, was die ältere Generation zu sagen hat.
In die Rahmenhandlung eingebettet sind diverse Rückblenden. „Das ist sehr schwierig, weil oft 50 Jahre Altersunterschied dazwischen liegen“, gesteht Wolfgang Müller. Sich jung fühlen und jung wirken, das seien eben zwei verschiedene Schuhe. Aber gut gegen Alzheimer sei das alles sicher. Selbst wenn bei allem Überschwang noch oft der Text mit ihm durchgeht.
„Ich verlasse dich. Ich verlasse dich. Ja, ich verlasse dich“, übt Erna Freihöfer derweil ihren Kernsatz. „Was redest du da?“, empört sich Wolfgang Müller und rüttelt sie durch, als wolle er die letzten Krümel aus einer Kekstüte schütteln. Über seine Inbrunst muss er selbst lachen.
Ein Jahrzehnt lang fuhr der Kfz-Mechaniker zur See. Dann war er bis 2004 technischer Leiter in einem Krankenhaus. „Aber geträumt habe ich immer vom Theater. Jetzt bin ich mit 65 Jahren endlich da angekommen, wo ich immer hinwollte.“
