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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Viel mehr als Tingeltangel

09.09.2019

Wilhelmshaven Dieses Musical ist unpolitisch? Bloßer Tingeltangel mit Welthits? Von wegen. In einer Szene stöbert Nachtclub-Sängerin Sally Bowles in der Berliner Absteige in den paar Sachen ihres Clifford herum. „Du hast einen Roman geschrieben? Ist er das? ,Mein Kampf’?“. Der junge Schriftsteller nimmt der naiven Hübschen das dicke Buch aus der Hand und lächelt, nein, nein. Das ist nicht sein Buch, er studiert die Schwarte nur. Und später wird er Seiten aus Hitlers hassgesättigtem Schinken rausreißen und auf der Bühne verteilen.

So nebenbei, so schön eingebettet, kommt das Politische in Olaf Striebs Inszenierung des Musicals „Cabaret“ an der Landesbühne Nord daher. Die Regie hat in Wilhelmshaven auf Mätzchen verzichtet. Keine unnötigen Modernisierungen, keine billigen politischen Anspielungen mit dem Vorschlaghammer. Gut gemachtes Unterhaltungstheater hat der inszenierende Intendant vor der Saison versprochen – jetzt liefert er es zweieinhalb Stunden lang.

Das Musical erzählt bekanntlich vom jungen US-Autor Clifford Bradshaw, der im Berlin 1929/1930 auf die Nachtclub-Sängerin Sally Bowles trifft, die im legendären Kit-Kat-Club ihr berühmtes „Life is a Cabaret“ schmettert. Sie verliebt sich in den Amerikaner, der aber schnell die üblen Zeichen der Zeit erkennt, und während sie betont unpolitisch von der Berliner Karriere träumt, will er das künftige Nazi-Deutschland verlassen.

Wo es Eintrittskarten gibt

Die Premiere fand jetzt an der Landesbühne Nord im Wilhelmshavener Stadttheater statt. Die Vorlage des Musicals stammt von Joe Masteroff, die Musik von Chris Walker, die Gesangstexte sind von Fred Ebb. Eintrittskarten für das Stück, das Silvester sogar zweimal gezeigt wird, unter Telefon: 04421/940 115.

Alle NWZ-Kritiken unter:

www.nwzonline.de/premieren

Die Bühne von Herbert Buckmiller ist schon beim ersten Blick ein Versprechen. Sie ist schön, praktisch und wohlig. Knuffig führt eine kleine leuchtende Treppe zum glitzernden Vorhang nach oben. Hinten sind die Mitglieder der sechsköpfigen Band unter der Leitung von Simon Kasper verteilt. Vorn links und rechts können Wände aus Holz mal eben in Türen oder durch Drehen sogar in Ziegelwände verwandelt werden. An der Rampe bleibt Platz für Tanz, Gesang und muntere Szenen.

Die Bühne lässt zu, was diese Aufführung besonders gut handhabt: Die Übergänge zwischen den Szenen sind fließend. Eben stand man noch in der Pension von Fräulein Schneider, in der nächsten Sekunde singt der glitzernde Conférencier (Stefan Faupel) kernig im Nachtclub oder treibt es – „Didel di didel di!“ – mit gleich zwei Damen unterm Bettlaken. Eine Zugfahrt? Schon schiebt man eine Art fahrbares Abteil über die Bühne. Alles ist mit ein wenig Fantasie möglich, kein Umbau stört. So entsteht ein rasantes Musical wie aus einem Guss, bei dem der Szenenapplaus kaum dazwischenkommt.

Man weiß gar nicht, was man mehr loben soll an diesem unterhaltsamen und nachdenklich machenden Abend. Da ist der satte Klang der Band. Da sind die schmissig tanzenden Kit-Kat-Girls, die so herrlich die bestrapsten Beine schwingen. Caroline Wybranietz ist als Sally Bowles zum Hinschauen und Hinhören, schauspielerisch und stimmlich meistert sie mit Inbrunst und viel Gefühl ihre Rolle, ist mal Showgirl im Fummel, mal niedlich verliebte Frau. Oder Viktor Rabl, der den Autor Clifford würdevoll verkörpert. Oder Franziska Kleinert, die mit Christoph Sommer das rührende ältere Liebespaar spielt: er jüdischer Obsthändler, sie Vermieterin, und beide kommen im aufscheinenden Nationalsozialismus nicht zueinander – da hören wir einige der traurigsten und politischsten Duette des Abends. Wenn am Ende sogar ein Nazi in Uniform bei den Girls mittanzt, ist spätestens der bloße Tingeltangel politisch erledigt.

Der Aufwand für diese Musical-Perle ist riesig. Das gesamte Ensemble wirkt mit. Wunderbare Kostüme wechseln im Minutentakt, offenbar hat man alles verwendet, dessen man habhaft wurde. Hinzu kommen Lichtspiele und reichlich aktive Nebelwerfer. Wahrlich, auf der knuffigen Wilhelmshavener Bühne stürzen wir geradezu ins brodelnde Berlin der 20er Jahre. Das Publikum klatschte sich die Hände wund und bekam eine Riesenzugabe.

Mehr geht nicht? Doch, doch: Mit der Premiere wurde auch das neu gestaltete Untere Foyer eingeweiht. Endlich hat man den Bahnhofshallen-Charakter verabschiedet. Jetzt herrscht eine Wohlfühl-Atmosphäre durch rote Sofas und Sessel, neue Anstriche und feine Beleuchtung. Der Ohrwurm „Willkommen, Bienvenue, Welcome!“ passt da gut.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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