WILHELMSHAVEN - Wo an gleicher Stelle Marc Minkowski und sein Orchester Les Musiciens du Louvre-Grenoble vor gut vier Wochen Haydns Sinfonie „Le Poule“ durchsichtig, ideenreich und ausbalanciert aufführten – was bewies, wie geistreich und witzig Haydns Sinfonien eigentlich sind –, da rutschte François Leleux mit dem Georgischen Kammerorchester jetzt beim 2. Stadthallenkonzert in das hilflose Schema F zurück: Haydn mal ziemlich laut, mal ziemlich leise. Dazwischen gab es nichts. Notenabspielerei, null Spannung.
Zudem hatten die Bläser Probleme, vor allem das Horn, dem einfach kein Piano gelingen wollte. Und davor ein Dirigent, der vor den Musikern herumfuchtelte wie beim verunglückten Auftritt des Kapellmeisters Kreisler. Man ahnte Schlimmes.
Fantasiereicher Oboist
Es kam ganz anders. Es gibt sicher viele Orchester, die Mozarts Oboenkonzert C-Dur KV 314 subtiler begleiten als die Georgier, aber kaum einen Oboisten, der den Charme und den Witz dieses Werkes treffender auszuformulieren vermag als François Leleux.
Der phrasierte das Werk fantasiereich und mit aufblühendem Ton wie kein Zweiter. Da kommt auch Albrecht Meier, der gerühmte Solo-Oboist der Berliner nicht mit, dessen Ton beim Auftritt in der Stadthalle von ängstlicher Genauigkeit war. Und mit der Zugabe, dem von der Oboe gespielten Solo in der Arie der Königin der Nacht, unterstrich Leleux seine Kreativität. Das war die perfekte Mischung aus Mozarts Genie und Leleux’ Esprit.
Besuch der Kindheit
Es hat dem Konzert gut getan, dass nach der Pause andere Register aufgezogen wurden. Die Musiker spielten nun Werke von Komponisten, die ihrer Mentalität entsprechen. Giya Kanchelis „Besuch der Kindheit“ ist ein Werk mit zauberhaft eingewobenen Oboen-Kantilenen, ein Ausflug in eine dünn besiedelte Welt mit überraschenden Akzenten, die mehr an „1001 Nacht“ erinnern als ans Rotkäppchen – also ein Gegenentwurf zur westeuropäischen Zwanghaftigkeit, in einen Takt möglichst viele Noten reinzupacken.
Schließlich durfte man bei Sulchan Zinzadses „Miniatur für Streicher“ tief in die Gefühlswelt der Georgier eintauchen. Ein Konzert, das zu der Gewissheit führte, dass es noch anderes gibt als die drei großen „B’s“ – Bach, Beethoven und Brahms. Das Publikum wollte gar nicht aufhören zu klatschen.
