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Landesbühne Von der Verlogenheit in Zeiten des Konsumterrors

Norbert Czyz

WILHELMSHAVEN - Das Bühnenbild von Frank Albert ist genial. Die Regiearbeit an Edoardo Erbas Stück „Verkäufer“, das am Sonnabend im Stadttheater Wilhelmshaven seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, ebenso.

Vor einer mit moderner Lichtprojektion ausgestatteten und mit einem Gazevorhang abgeschlossenen Schaufensterdekoration lässt Regisseur Jan Steinbach sechs Schauspieler aufmarschieren wie zu einer Revue: Waschmittelvertreter Brigo, ein geborener Versager (italienisch „briga“ heißt Sorge); den naiven Leiter eines Drogeriemarktes namens Monti; den schleimigen Geschäftsführer Dr. Cozza (cozza = Miesmuschel); Brigos Frau Gloria (= Ruhm, Herrlichkeit); den einzigen Deutschen unter Italienern namens Shon und die Tramperin Chiara. In knapp 100 Minuten halten sie dem Publikum die Perversion des Konsumterrors vor Augen.

Macht der Verbraucher

Auf sie alle wirken die Gesetze des Marktes bzw. der Zwang zur Konzentration. Das hat zur Folge, dass erst Brigo (Sven Brormann) seinen Job los ist und seine, dem schnöden Mammon verfallene Frau (Amélie Miloy) noch lange wird darauf warten müssen, bis sie sich eine Putzfrau leisten kann; wenig später erhält auch Dr. Cozza (Gernot Schmidt, als wäre er für die Rolle geboren) seine Kündigung – gleich schriftlich.

Das Stück kippt ins Absurde, als Chiara (Wibke Quast), trampende Fixerin und im zweiten Teil Inkarnation der Verbraucher-Macht, in Brigos Auto ihre Handtasche samt einer Dose mit Drogen vergisst. Brigo schluckt die Drogen und sieht auf einmal sein Umfeld so, wie es wirklich ist. Es schmilzt zusammen zu einem pervertierten Häufchen Elend. Aus der schicken Schaufensterpräsentation wird Chaos, in dem die Schauspieler herumkriechen wie Figuren in einem Albtraum.

Hohle Phrasen

Steinbachs Glanzleistung besteht darin, dass er für die zwei sehr verschiedenen Teile jeweils eine eigene sinnfällige Bildsprache gefunden hat. Im ersten Teil, in der in vier Szenen die Gesetze des Marktes und die Verlogenheit der Protagonisten vorgeführt werden, entlarvt der Regisseur gängige Rituale mit kabarettistischen Mitteln als hohle Phrasen und die Akteure als deformierte Charaktere. Dass Brigos von den Drogen hervorgerufene Visionen reines Wunschdenken sind, macht Steinbach im zweiten Teil deutlich. Er lässt etwa Monti gezielt gegen den Text handeln: Der kleidet sich nach der Flagellanten-Sitzung mit Gloria nicht an, sondern, entgegen der Regieanweisung, aus – derweil das übrige Personal kafkaesk zwischen jenen Stelen herumkriecht, die zuvor zur Schaufensterdekoration gehörten.

Steinbach lässt alle Szenen auf der Vorbühne spielen, als wolle er sie unters Brennglas legen. Die Wirkung ist umso effektvoller, als die Schauspieler das Typische ihrer Rollen glänzend zur Geltung bringen. Begeisterter Applaus.

 @ Alle Theaterkritiken unter

http://www.NWZonline.de/theater

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