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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Dieser „Mozart“ spielt nur die zweite Geige

23.04.2018

Wilhelmshaven Das Stück „Amadeus“ von Peter Shaffer und vor allem die geniale gleichnamige Filmadaption von Milos Forman hat unseren Blick auf Wolfgang Amadeus Mozart verändert.

Statt des Wunderkinds, das brav frühreife Musik komponierte und mit seinen Meisterwerken unsterblich wurde, sahen wir nun einen überdrehten, infantilen Flegel und Frauenheld mit Hang zum Obszönen, der am Ende seines kurzen Lebens wie so viele große Künstler die Grenze zwischen Genialität und Wahnsinn überschritt. Und der durch Shaffers Geschichte zum Opfer eines packenden Musikkrimis am Hofe von Joseph II., Kaiser von Österreich, wurde.

Diese Geschichte ist ganz großes Kino – und seit dem Filmerfolg als Theaterstück eine noch größere Herausforderung. Denn wie soll man dieses ohnehin anspruchsvolle Drama auf die Bühne bringen, ohne dauernd mit Milos Forman, seinen Darstellern von Weltklasse und seinen technischen und finanziellen Möglichkeiten verglichen zu werden?

Die Landesbühne Nord in Wilhelmshaven nimmt die Herausforderung an – und geht nur als zweiter Sieger vom Platz.

Denn Regisseur Markus Röhling gelingt es leider nicht, dem Stück eine eigene Bedeutung zu geben.

Zwar ist die dramaturgische Bearbeitung dieses aufwendigen Werks schlüssig, dennoch hat die Inszenierung Längen, die vor allem im zweiten Akt die Theaterfreude trüben.

Zudem bleibt gerade Antonio Salieri – die eigentliche Schlüsselfigur des Stücks – seltsam eindimensional. Der Hofkomponist, der Mozarts Musik so wundervoll beschreibt und dabei erkennt, dass er dem jungen Kontrahenten künstlerisch nie das Wasser reichen kann, bezichtigt sich selbst, Mozart aus Neid gedemütigt und ermordet zu haben. Salieri hadert mit Gott, der Talent so ungerecht verteilt. Und versinkt am Ende in Schuldgefühlen und seiner eigenen Bedeutungslosigkeit.

Salieri-Darsteller Simon Ahlborn startet stark, kann (oder darf?) der Rolle aber nicht die Tiefe und Vielschichtigkeit geben, die sie verdient. Da überdecken dann viel Geschrei und Hysterie die Abgründe, die sich in seiner Seele auftun.

Ben Knop als Mozart agiert zunächst (auch optisch) eng am Filmvorbild Tom Hulce, gibt dem leidenden Künstler – erstaunlicherweise als er die Perücke abnimmt – aber im Absturz und Todeskampf ein eigenes Gesicht.

Stark gespielt sind die Nebenrollen, allen voran Johanna Kröner als Mozarts Frau Constanze und Routinier Helmut Rühl als Joseph II.

Eine Wucht sind die Bühne und die opulenten Rokoko-Kostüme von Eckhard Reschat – wenngleich sie natürlich auch eine Nähe (und Erwartungshaltung) zur Bilderwelt des Films herstellen.

Vielleicht hätte sich Regisseur Markus Röhling mutiger von Filmbildern lösen und stärker eine Frage in den Mittelpunkt seiner Inszenierung stellen können, die er in der Premiereneinführung mit Blick auf Mozart und Salieri selbst gestellt hat und die in der  #MeToo-Debatte von brennender Aktualität ist: Darf gute Kunst nur von Menschen gemacht werden, die selbst auch gut und tugendhaft sind?

Doch so erleidet die Wilhelmshavener Inszenierung – welch Ironie – Salieris Schicksal: Sie orientiert sich am Film, kann dessen Genialität aber nicht erreichen.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Ulrich Schönborn
stv. Chefredakteur
Chefredaktion
Tel:
0441 9988 2004

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