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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Doppelte Schreckensherrschaft

23.09.2019

Wilhelmshaven Der Vorhang geht auf, und da steht er: eine schwarze Silhouette vor bläulichem Licht. Das Grollen, das die Szene akustisch untermalt, verheißt Schrecken. Und schrecklich wird es, was Julius Caesar (Simon Ahlborn) in der postdramatischen Textfassung von Peter Verhelst zu sagen hat. Der römische Imperator redet nicht, er bellt die Worte und seine Überzeugungen, wie man ein Reich zu führen hat: nämlich grausam.

Robert Teufel, der Regisseur des Doppelabends „Caligula/Julius Caesar“ im Stadttheater Wilhelmshaven, hatte im Vorfeld nicht zu viel versprochen, als er sagte, die Inszenierung funktioniere auch, ohne zuvor Geschichtsbücher wälzen zu müssen. Noch eindrücklicher wird es jedoch, wenn der Zuschauer weiß, was der Imperator hier zitiert – zum Beispiel die Posener Reden von Himmler, in denen er offen die Vernichtung der Juden glorifizierte.

Die Macht der Rhetorik oder auch die Rhetorik der Macht spielt eine der Hauptrollen in diesem Zwei-Personen-Stück, eines der wichtigsten Stilmittel: Wiederholungen. Fast wie in einer Art Lehrstunde teilt Caesar Brutus (Johannes Simons) mit, wie man sein Volk unter der Fuchtel hält, wie man Ängste schürt. Das Volk indes ist abwesend: Die beiden sind allein.

Vielleicht noch eindrucksvoller ist das, was sich an den Einakter anschließt: Nämlich Albert Camus’ „Caligula“, die Geschichte des römischen Kaisers und wahnsinnigen Gewaltherrschers getaucht in ein existenzialistisches Gewand. Nach dem Tod seiner Schwester kehrt Caligula (Philipp Buder) seltsam verändert zurück. Die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz erkannt, drückt der Kaiser seinem Volk fortan diese Philosophie auf – und geht dabei über Leichen.

Je weiter dieser Abend voranschreitet, desto tiefer lässt er blicken in menschliche Abgründe, desto mehr zeigt er, wie hässlich Menschen werden können, wenn man ihnen Macht gibt. Caligulas Volk sind die traurigen Opfer der Schreckensherrschaft.

Es ist nicht leicht, Philosophie auf die Bühne zu bringen, doch Regisseur und Schauspielern der Landesbühne Nord ist die Herausforderung gelungen, zwei gleichermaßen unterschiedliche wie sich ähnelnde Schreckensherrscher gegenüberzustellen, zwei Stücke allein schon durch die Doppelbesetzung von Simon Ahlborn und Johannes Simons sowie das Ende der Inszenierung miteinander zu verschränken.

Dass dieser Abend seltsam berührt, ist eine Leistung der ausnahmslos hervorragend spielenden Darsteller. Philipp Buder spielt den wahnsinnigen Caligula virtuos. Ebenso überzeugend: Simon Ahlborn als das Monster Julius Caesar und Cherea in „Caligula“, Johannes Simons als Brutus und Oberhofmeister Patricius sowie die neuen Ensemblemitglieder Mona Georgia Müller, Jan-Eric Meier sowie Helmut Rühl, Daniel Hölzinger und Thomas Marx.

Bühne und Kostüme sind ähnlich kalt wie die Machthaber und unterstreichen die Stimmung dieses großartigen Theaterabends, der auch als Parabel auf das Heute gedeutet werden kann.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
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