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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Im Karussell der Intrigen

22.10.2018

Wilhelmshaven Das Karussell der Intrigen dreht sich immer schneller – schließlich können gutgläubige und arglose Opfer wie Madame de Tourvel dem Schwindel und der Fliehkraft nicht mehr standhalten.

Die beiden Drehbühnen symbolisieren bildlich das Schwindelgefühl, das die arglistig inszenierten Amouren der Marquise de Merteuil und des Vicomte de Valmont in Christopher Hamptons Bühnenfassung des Romans „Gefährliche Liebschaften“ verursachen. Auch sonst haben sich Regisseur Sascha Bunge und Bühnenbildnerin Angelika Wedde einiges einfallen lassen, um der Wilhelmshavener Version des weltweit bekannten, unzählige Male inszenierten und mehrfach genial verfilmten Romans von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos einen eigenen Stempel aufzudrücken.

Die größte Gefahr bei diesem Stück, nämlich den Stoff einfach nachzuerzählen und die Bilder, die jeder im Kopf hat, nachzuzeichnen, hat die Landesbühne Nord in ihrer jungsten Produktion geschickt gebannt. Die Handlung bleibt zwar im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts, als der Adel von Reichtum und Müßiggang betäubt der Französischen Revolution entgegentaumelte. Auch Bühne und Kostüme zitieren mit Rokoko-Chaiselongue, hochtoupierten Perücken und ausladenden Röcken diese Epoche – zitieren sie aber nur und kopieren sie nicht. Angelika Wedde gelingt eine Bilderwelt, die das Stück in seiner Zeit verortet, den Zuschauern aber trotzdem Raum gibt, sich von der historischen Vorlage und den eigenen Bildern im Kopf zu lösen.

Das macht den Kopf frei, um nach Parallelen zur heutigen Zeit zu suchen. Fündig wird man da. Weniger – wie vielleicht zunächst naheliegend – mit Blick auf die #MeToo-Debatte über sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen. Viel mehr aber mit Blick auf die Frage, wie auch heute Mächtige und Privilegierte ihre Interessen über jeden Maßstab von Anstand und Moral stellen. Ersetzt man die Liebesspiele der Intriganten auf der Bühne durch aktuelle Themen, dann landet man schnell bei Skandalen wie dem Diesel-Betrug oder den windigen Cum-Ex-Finanzgeschäften auf Kosten der Steuerzahler. Auch für diese Skandale sind Skrupellosigkeit, Egoismus und fehlende Empathie der Nährboden. Dass der Vicomte de Valmont die gezielte Verführung und Zerstörung von Madame de Tourvel wie einen Geschäftserfolg feiert, spricht Bände.

Simon Ahlborn spielt diesen Vicomte mit Licht und Schatten. Bei der Premiere am Samstagabend war seine schwierige Rolle des selbstverliebten, berechnenden und dabei charismatischen Verführers noch nicht immer überzeugend. So stand er etwas im Schatten seiner Komplizin Marquise de Merteuil, die Johanna Kröner mit einer gekonnten Mischung aus Zynismus, Erotik und Kaltschnäuzigkeit zur Hauptfigur der Inszenierung macht.

Überhaupt dominieren die Frauen – nicht nur zahlenmäßig, sondern auch in ihren Rollen: Christina Polzer als missbrauchte Cecile und als verruchte Prostituierte. Jessica Rust als verführte Madame de Tourvel. Franziska Kleinert als Madame de Volanges, die sich opportunistisch den fragwürdigen Gepflogenheiten ihrer „feinen“ Gesellschaft anpasst. Und Sibylle Hellmann als Madame de Rosemonde, die alles durchschaut, dem Drama aber dennoch seinen Lauf lässt. In Nebenrollen ergänzen Johannes Simons und Dominik Bliefert das Ensemble.

Die Inszenierung ist sehenswert und wird sich in der Spielzeit noch entwickeln. Und wer weiß, welcher Skandal als nächster aufgedeckt wird, der durch Intrigen einer vermeintlichen Elite auf Kosten gutgläubiger und argloser Opfer losgetreten wurde.

Die zügellose Dekadenz des französischen Adels endete übrigens in der blutigen Französischen Revolution. Doch das ist eine andere Geschichte. Ob sie besser ist? In der Wilhelmshavener Inszenierung fällt mit dem Vorhang auch die Guillotine.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Ulrich Schönborn
stv. Chefredakteur
Chefredaktion
Tel:
0441 9988 2004

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