WILHELMSHAVEN - Männer in Frauenkleidern, das funktioniert noch immer: Es gab stehende Ovationen.
Von Karsten Krogmann
WILHELMSHAVEN - „Hallöööchen“, tippel, tippel, tippel, „kennen wir uns nicht?“ Ein Herr in der zweiten Reihe dreht sich unvorsichtig um, und das hat er jetzt davon: Eine pompöse Dame mit Stöckelschuhen und Bartschatten wirft sich ihm an den Hals, Bussi hier, Bussi da. Das Publikum freut sich, und dann ruft links eine zweite Stimme „Huhu“, tippel, tippel, tippel, rechts kreischt jemand „Juchu“, tippel, tippel, tippel, und alle Herren rutschen plötzlich ganz tief in ihre Sitze.„Bonsoir“, grüßt Georges von der Bühne und erklärt das Wilhelmshavener Stadttheater kurzerhand zum Nachtclub. Das „La Cage aux Folles“ sei der Stolz von St. Tropez, schließlich trete hier die große Zaza auf. „Bleiben Sie auf Ihren Plätzen“, warnt Georges das Publikum, und dann fällt auch schon der Vorhang. Scheinwerfer leuchten, Discokugeln blinken, die Damen mit dem Bartschatten werfen tüchtig das Bein.
Für ihre aktuelle Produktion hat die Landesbühne Nord tief in die Mottenkiste gegriffen: „La Cage aux Folles“ von Jean Poiret, zu deutsch „Ein Käfig voller Narren“, war Mitte der 70er-Jahre ein Pariser Theaterhit. 1978 kam die Geschichte um das schwule Pärchen Georges und Albert dann ins Kino, gewann einen Goldenen Globe, einen César und wurde sogar für den Oscar nominiert. Harvey Fierstein und Jerry Herman machten aus dem Erfolgsstoff auch noch ein Musical, 1983 feierte es große Premiere am Broadway. Und jetzt haben wir 2006.
„Ich bin, was ich bin“, singt die große Zaza, die in Wirklichkeit Albert heißt. Ihr Söhnchen Jean Michel will eine Frau heiraten, ausgerechnet. Jetzt muss er seine Transvestiten-Mutter vor dem Braut-Vater verstecken, einem Abgeordneten der TFM, der Partei für Tradition, Familie und Moral. Zaza hat aber eine Idee: Sie verkleidet sich als Jean Michels leibliche Mutter, und natürlich geht alles ganz wunderbar schief.
Die charmante Idee, den heterosexuellen Jean Michel zum Außenseiter im homosexuellen Nachtclub-Umfeld zu erklären, hat in den vergangenen 30 Jahren viel an Reiz verloren. Regisseur Olaf Strieb weiß das natürlich: Er nimmt die Geschichte deshalb nicht als Lehrstück, sondern als Anlass für Gesang, Tanz und schrille Scherze.
Herrlich tuckig stelzen seine Schauspieler über die plüschige Bühne und singen zur Musik vom Band den Gassenhauer „Wir sind, was wir sind“. Höhepunkt der Inszenierung, die in der zweiten Hälfte merklich an Fahrt aufnimmt, ist die Umschulung Zazas zum echten Kerl: Holger Teßmann liefert eine hübsche Karikatur männlicher Rollenklischees und bekommt dafür nach zwei Stunden seinen Sonderapplaus, genau so wie Ireneusz Rosinski als braver Georges und Roland Wolf als Zazas schräge „Kammerzofe“ Jacob.
„Sie sollen unser Haus mit mehr verlassen als nur mit einem zerknitterten Programmheft und einer abgerissenen Eintrittskarte in der Tasche“, sagt Georges zum Schluss. Vor 30 Jahren bekam das Premierenpublikum eine Moral mit auf den Weg: „Ich bin, was ich bin“. Heute tippelt es nur mit einer weltberühmten Popmelodie im Ohr zum Parkplatz: „I am what I am“.
Stehende Ovationen gibt es trotzdem.
