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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Radikalisierung am kleinbürgerlichen Mittagstisch

29.01.2018

Wilhelmshaven Beschämend mäßig plätschert Applaus aus gelüfteten Reihen. Etwas beunruhigt und aufgeladen die Stimmung im Stadttheater Wilhelmshaven. Was ist geschehen? War das intensive Spiel der letzten zwei Stunden nicht unterhaltsam? Haben die Schauspieler versagt oder reicht die Autorenvorlage nicht aus für mehr? Nein, nein und nochmals nein!

Das bis ins letzte Detail durchdachte, durchlebte Schauspiel „Rechtes Denken“, inszeniert von Gregor Turecček, verdient höchste Anerkennung, nicht nur für die handwerkliche Umsetzung, sondern vielmehr für den Mut, gegenwärtigen und vergangenen Wahnsinn, den radikale Gesinnung verursacht, bildhaft zu sezieren.

Konstantin Küspert ist als Autor tief in gesellschaftliche Zusammenhänge vorgedrungen, um das Spektrum rechtspopulistischen Gedankenguts zu demaskieren. Das Bühnenbild (Juliette Collas) – ein versteinertes Märchenschloss, ein Höllenschlund, daneben der Wolfsschanzen-Kiosk – ist vielseitig bespielbar. Schlagende Verbindungen und Burschenschaften versprechen gesellschaftlichen Halt.

Auch Casper befindet sich, wie so viele, auf der Suche. Timon Ballenberger gibt dem Naiven ein Gesicht, spielt glaubhaft den um Erkenntnis ringenden Menschen. Bertram hingegen ist ein energetischer Hetzer, der seine eigene Unzulänglichkeit an vermeintlich Schwächeren auslebt. Unübersehbar steigert sich ein gewaltig aufspielender Jeffrey von Laun geradezu beängstigend authentisch in sein Rollenklischee. Anna Gesewsky besticht in ihren polarisierenden Figuren als verliebte Antifa-Jasmin („Lieber ein Geschwür am After, als ein deutscher Burschenschaftler“) und der Verkörperung des totalitären nationalsozialistischen Staates (Hosenrolle als Hitler).

Küspert beschreibt detailliert Strukturen von Burschenschaften sowie die Radikalisierung eines Jugendlichen aus kleinbürgerlichem Milieu, quasi am Mittagstisch. Er hat „Rechtes Denken“ extrem dicht arrangiert. Die von ihm zitierten, philosophischen, politischen und historischen Einschübe werden durch Tureceks Regiearbeit in einer inhaltsschweren Inszenierung umgesetzt.

In einem ergreifenden, brutalen Schlussakt (Massaker auf Utøya) zeigt sich der ganze Terror. Hoffnung spendet an diesem aufwühlenden Abend die Schauspielerin Claudia Kraus mit einem von Küspert vorgedachten Appell an die Menschlichkeit.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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