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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Was ist das Leben überhaupt wert?

24.09.2018

Wilhelmshaven Der Titel führt in die Irre. „Sterben helfen“ ist kein Stück über Sterbehilfe. Die Diskussion um Paragraf 217 des Strafgesetzbuches („Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“) spielt keine Rolle, ebensowenig die durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Fall Koch neu entflammte politische Debatte. Zum Glück nicht! Schließlich sitzen wir im Theater und nicht im Bundestag oder auf Richterbänken.

Mit Gift-Inhalator

Theater ist in erster Linie Spiel, Schauspiel nämlich: offener Dialog zwischen Stück, Inszenierung, Schauspielern und Publikum. Diese grundlegende Einsicht bewusst zu machen, ist nicht das geringste Verdienst der Zusammenarbeit zwischen dem Regensburger Dramatiker Konstantin Küspert und der Landesbühne Nord.

Küsperts 2016 entstandenes Stück handelt von zwei gegensätzlichen Perspektiven auf das menschliche Leben. Wir werden mit einer vielleicht noch weit entfernten, vielleicht schon sehr nahen Gesellschaft konfrontiert, in der der Wert des Lebens anhand einer Kosten-Nutzen-Rechnung ermittelt wird. Solange die Bilanz positiv bleibt, kann der Einzelne alle Freiheiten und Freizügigkeiten, Angebote und Annehmlichkeiten, die ihm die Gesellschaft bietet, genießen.

Fällt die Bilanz jedoch negativ aus, wird erwartet, dass er sein Leben mithilfe des jedem Bürger zugeeigneten Gift-Inhalators schmerzfrei beendet. Wer die Erwartung erfüllt, wird gefeiert. Beerdigungen sind in dieser Gesellschaft Partys, von Hochzeiten nur dadurch zu unterscheiden, dass die Torte fehlt.

Lucy, eine erfolgreiche Marketingdirektorin, feiert mit. Bis bei ihr im Zuge einer Schwangerschaftsuntersuchung fortgeschrittener Krebs diagnostiziert wird. Schwangerschaftsabbruch und Chemotherapie folgen. Die Prognose ist ungünstig, ihre Bilanz wird negativ. Statt nun aber zum Inhalator zu greifen, begehrt sie auf, verlangt weitere Therapien, mutet sich selbst brutales Leiden zu und ihren Nächsten, dieses Leiden auszuhalten. Weil das Leben für sie jetzt heißt: leben wollen, um jeden Preis.

Richtig? Falsch? Küsperts Stück enthält sich des Urteils. Es ist ein Werk, das die Köpfe und Herzen der Zuschauer braucht. Ann Heines Bühne nimmt diesen Ansatz auf. Das Büro, in dem Lucy arbeitet, die Arztpraxis, in der sie behandelt wird, die Wohnung, in der sie mit ihrer Frau lebt, sind Baustellen. Hier wird renoviert: soziales Bewusstsein, ärztliche Tätigkeit, menschliches Zusammenleben.

Im Nahkampf

Theater ist Spiel, betonte Regisseurin Katka Schroth im Vorgespräch mit Konstantin Küspert und Dramaturgin Kerstin Car. Und Ramona Marx, Maika Troscheit, Timon Ballenberger, Sven Heiß und Aida-Ira El-Eslambouly spielen. Sie inszenieren Rückblicke, tauschen Rollen, schicken sich ins Abseits oder von der Bühne, agieren im Chor, im Nahkampf, in Zeitlupe.

Vielleicht kein ganz überzeugendes Stück. Aber überzeugendes Theater.


Alle NWZ-Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 
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