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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Hier wird Geschichte ein Gesicht gegeben

15.01.2018

Wilhelmshaven Wie kann man für ein Publikum im Jahr 2018 ein Theaterstück spannend inszenieren, das heute mehr ein politisches als literarisches Denkmal ist? Wie kann man mit nur sechs Akteuren die Massenaufstände von 1918 und das Ende des Ersten Weltkriegs und des deutschen Kaiserreichs darstellen? Wie kann man Bildungstheater machen und trotzdem das Publikum unterhalten?

Man kann – genauer: Die Landesbühne Nord in Wilhelmshaven kann das. Indem sie das historische Stück „Feuer aus den Kesseln“ von Ernst Toller (1893–1939) um authentische Zeitzeugen-Berichte und neue Erzählebenen bereichert, indem sie tolle Schauspieler mit einem cleveren Regiekonzept und einem genialen Bühnenbild verbindet und Geschichten hinter der Geschichte erzählt.

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg und Wilhelmshaven spielte dabei eine zentrale Rolle. Als die Admiralität die im Hafen oder auf Reede dümpelnde deutsche Flotte noch einmal in ein hoffnungsloses Gefecht gegen die Briten schicken wollte, meuterten die Heizer tief unten in den Schiffsrümpfen und nahmen das Feuer aus den Kesseln. Aus dem Aufstand wurde eine Massenbewegung von Matrosen, Soldaten und Arbeitern, die Deutschland für immer veränderte.

Brutale Ausbeutung

Klar also, dass dieses Stück in diesem Jahr auf die Wilhelmshavener Bühne gehört. Das expressionistische Werk Ernst Tollers, der sich seinerzeit selbst am Aufstand beteiligt hatte und nur knapp der Todesstrafe entkam, bedurfte allerdings einer Übersetzung. Und die ist Regisseur Michael Uhl hervorragend gelungen. Kompetente Hilfe bekam er dabei von Stephan Huck, dem Leiter des Wilhelmshavener Marinemuseums.

Kernhandlung ist die Lage der Matrosen und Heizer, deren anfängliche Kriegsbegeisterung schnell Ernüchterung weicht. Aus Schikane, Drill und Entbehrungen an Bord der riesigen Schlachtschiffe wächst Unmut, dann Widerstand und schließlich Aufstand.

Dieser Ebene fügt Regisseur Uhl die Perspektive der Marineführung hinzu und komplettiert so das Bild. Da zeigen sich strenge Hierarchien, schreiende Ungerechtigkeit und brutale Ausbeutung. Deutlich wird aber auch das Dilemma der Offiziere, die das Ende des Krieges in die Bedeutungslosigkeit stürzte.

Das Gleiche galt übrigens für die Marinestadt Wilhelmshaven. Hier kommt die dritte Erzählebene ins Spiel. Michael Uhl zeichnet auch Aufstieg und Fall der Stadt und des Marinehafens vor und nach dem Krieg nach.

Grundlage für dieses komplexe Gebilde ist neben dem schlüssigen Konzept des Regisseurs die eindrucksvolle Ensemble-Leistung. Philipp Buder, Sven Heiß, Ben Knop und Julius Ohlemann geben den Protagonisten im Kesselraum ein Gesicht. Auf der anderen Seite verkörpern Simon Ahlborn und Jördis Wölk die Rotwein trinkende Offizierskaste.

Karren und Kohle

Dass Ahlborn am Ende auch den sozialdemokratischen Schlichter Gustav Noske spielt, ist kein Zufall. Er wird schnell als „Genosse der Bosse“ entlarvt. Ein weiterer Kunstgriff und Seitenhieb Uhls ist die kahl rasierte Jördis Wölk in der Rolle der Admiralität: geschlechts-, gesichts- und seelenlos ist sie entrückt vom ganzen Leid und Elend, das sie zu verantworten hat.

Heimlicher „Star“ der Inszenierung ist Thomas Rumps Bühnenbild. Aus Schaufeln, Karren, einem Kohlehaufen und mit Metallplatten beschlagenen Tischen entstehen Hafen, Stadt und Schiff. Diese Requisiten symbolisieren den Aufbau, zeigen die Enge im Kesselraum und stehen schließlich für den Zerfall der alten Strukturen.


Alle NWZ-Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 
Ulrich Schönborn stv. Chefredakteur / Chefredaktion
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