Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Theater Liebestragödie in grellem Disco-Ambiente

Martin Wein

WILHELMSHAVEN - Es gab eine Zeit, da stand die Geschichte von Romeo und Julia, die an ihrer unbedingten Liebe bis in den tragisch versehentlichen Tod festhalten, für das größtmögliche Maß an Hingabe – versunken in Gefühlen, schwärmerisch und leidenschaftlich bis zum Anschlag. Vor allem das romantische 19. Jahrhundert hat William Shakespeares Muster-Tragödie „Romeo und Julia“ in dieser Hinsicht überformt.

Rosa Strumpfhosen

Diese Zeit ist vorbei. Für seine Neuinszenierung der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven hat Oberspielleiter Olaf Strieb die dramatis personae in einen wunderbaren, post-postmodernen und multifunktionalen Kunstraum von Cornelia Brey (Ausstattung und Kostüme) versetzt, in dem sie mit Versatzstücken verschiedener Szenekulturen um Identität ringen. Aus dem Wohnturm der Capulets ist ein verspiegelter Wohncontainer mit Dachterrasse geworden, an dessen Balkongeländer Romeo (Christian Simon) in rosa Strumpfhosen herumhangelt wie am Reck eines Fitness-Studios. Beichtvater Bruder Lorenzo (Sebastian Moske) setzt sich als New-Age-Mönch im klostereigenen Bonsai-Garten in Szene, und beim Maskenball tanzen die androgyn kostümierten Veroneser in einer grellbunten Club-Disco im Rhythmus schallgedämmter Dancefloor-Beats.

Kein Wunder, dass auch die Montague-Jungs nicht als Degen tragende junge Adlige auf den Plan treten, sondern als hormongesteuerte Ghetto-Punks in Lederjacken, die nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft und mit Eisenstangen und Pistolen auf ihre Gegner losgehen.

Im reizvollen Kontrast zur visuellen Turbo-Moderne steht auf den ersten Blick die formal gereimte Textfassung von Thomas Brasch. Bei genauerem Hinhören laden die drallen, bisweilen frivolen Dialoge aber genau zu dieser optischen Opulenz ein, für deren Versatzstücke sich Strieb passend zu den jugendlichen Helden des Dramas in diversen aktuellen Jugendkulturen bedient, ohne sie simpel zu kopieren.

So steht das Drama mithin für den ewigen Konflikt zwischen Kindern und Eltern, symbolisiert durch die als graue Mäuse kostümierten Eltern Julias (Julia Blechinger und Stefan Ostertag), die ihr eigenes Kind nicht mehr verstehen. Interessanterweise zog sich bei der Premiere am Sonnabend im Publikum eine Bruchlinie exakt zwischen diesen Generationen und spaltete die Gemüter.

Lust am Posieren

Julia (Amélie Miloy) posiert auf ihrem Balkon in schwarzen Lackstiefeln und scheint dem toten Romeo in der Familiengruft mehr den eindrucksvollen letzten Auftritt zu neiden als um ihn zu trauern. Auch Romeo umgarnt seine heiße Liebe, die er nur kurz gesehen hat, wie einen Facebook-Schwarm und muss zugleich vor seinen Kumpels die coole Fassade wahren. Nicht zufällig begeistert besonders Cino Djavid als schlagfertig reimender und heißspornig-gewalttätiger Mercutio. Fast idealtypisch verkörpert er die Lust am Posieren, die heutige Jugendkulturen prägt.

 @ Alle Theaterkritiken lesen Sie unter

http://www.NWZonline.de/theater

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Die Mitglieder vom BSV Kickers Emden stimmen am Donnerstagabend für die Ausgliederung der ersten Herren in eine GmbH.

POSITIVES VOTUM Mitglieder geben Grünes Licht für die Kickers-Emden-GmbH – Rießelmann spricht von „Happy End“

Lars Möller
Emden
Stellten die Ausweitung des Konzeptes „Wilhelmshaven sicher“ auf den Busverkehr der Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft vor: (v.li.) Frank Rademacher (Geschäftsführer Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft Wilhelmshaven), Polizeidirektor Heiko von Deetzen, Projektleiter und Polizeihauptkomissar Tim Bachem und Oberbürgermeister Carsten Feist.

POLIZEIPRÄSENZ IM BUSVERKEHR Hausrecht der Polizei stärkt ab sofort Sicherheit in Bussen

Lutz Rector
Wilhelmshaven
Kommentar
Klimaaktivisten der Gruppe „Fridays for Future“ in Saarbrücken werfen Bundeskanzler Scholz vor, bei seinem Besuch in der vom Hochwasser betroffenen Region und in seiner Ansprache „die Klimakrise fahrlässig ausgeblendet“ zu haben.

UMWELTPOLITIK Durch mehr Klimaschutz gibt’s nichts zu verlieren

Jana Wolf Büro Berlin
Eine junge Lehrerin schreibt Mathematikaufgaben an eine Schultafel. Niedersachsen will 390 Schulen im Land nach Sozialindex stärker fördern.

NEUES PROGRAMM FÜR 390 SCHULEN Wie Niedersachsen mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen will

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Lara und Philipp Schumacher wollen gemeinsam mit ihren drei Kindern ein neues Leben auf Mallorca beginnen. Dafür bereiten sie seit Jahren alles vor – und der letzte, mehrmonatige Aufenthalt vor der Auswanderung begann mit einem herben Rückschlag.

BETROGEN UND ENTTÄUSCHT Emder Familie kämpft nach Betrug auf Mallorca um ihren Traum

Aike Sebastian Ruhr
Emden