WILHELMSHAVEN - Was war das nur für ein unangenehmes Geräusch, das aus dem Lautsprecher zischte, als sich der Jude Shylock (Stefan Ostertag) und der Kaufmann Antonio (Christoph Angerer) vor der alles entscheidenden Gerichtsverhandlung minutenlang gegenübersaßen und sich fixierten? Könnte es etwa sein, dass dieses ekelhafte Zischen jenem glich, das Juden in Auschwitz vernahmen, als sie vermeintlich zum Duschen in große Räume geleitet wurden? Nur so lassen sich die zu Tode erschrockenen Gesichter von Lorenzo und Jessica erklären, mit denen sie Regisseur Philipp Kochheim provokant ins Publikum schauen lässt.

In seiner Inszenierung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“, die am Sonnabend im Wilhelmshavener Stadttheater Premiere hatte, verlangt Philipp Kochheim von seinem Publikum eine Menge – vorab Geduld. Auf offener Bühne stellt der Geldverleiher Shylock Schuldscheine aus. Leise schleichen sich Antonio und seine Spießgesellen durch den Zuschauerraum herein. Ein Schlägertrupp taucht in Shylocks Büro auf, verwüstet es und schlägt den Juden zusammen.

Dieses traumatische Erlebnis ist der Ausgangspunkt für Kochheims Inszenierung, die aufwühlt, mit vielen Denkpausen arbeitet und an deren Ende der Jude nicht nur seine Rache nicht bekommt, sondern mit leeren Händen dasteht. Doch anders als bei Shakespeare schleicht Shylock nicht wie ein geprügelter Hund davon, sondern agiert radikal. Er erschießt sich. Das gibt nur einem zu denken: Antonio. Er wirft sich zum Schluss schluchzend auf den Leichnam.

Kochheim spannt in seiner Inszenierung den Bogen von Shakespeare bis zur sinnentleerten Spaßgesellschaft der Gegenwart, in der einfache, praktische Fragestellungen nicht mehr gelöst werden können, in der die Probe, die Bassanio bestehen muss, zur Gameshow-Posse gerät. Und: Kaum ist Shylock tot, flippt die Dienerschaft aus. Lorenzo und Jessica tanzen Hip-Hop durch den Zuschauerraum.

Es ist im „Kaufmann von Venedig“ viel von Gnade die Rede, doch wird sie stets von anderen eingefordert, nie freiwillig gewährt. Vielleicht ist das die Kernaussage des Stückes. Bravourös in seiner Rolle agiert Stephan Angerer, unprätentiös effektiv Stephan Ostertag, schwungvoll Sebastian Stielke, der kurzfristig als Bassanio eingesprungen ist. Insgesamt eine sehr gute Ensembleleistung.

Karten: 04421/9 40 10

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